Aus dem Tagebuch von Arthur Funck aus Waldbillig

(Aus dem Buch Kriegsereignisse im Frontsektor der Untersauer – Erlebnisse, Berichte, Schicksale September 1944 bis Màrz 1945 von Fred Karen, 1989, Echternach)

Der folgende Tagebuch-Bericht wurde 1944 von Arthur Funck, damals 46 Jahre alt, aus Waldbillig niedergeschrieben.

Er gibt besonders gut die Ängste und Sorgen der damaligen Zeit wieder.

    9. September 1944 – Meldung gekommen von der Ankunft der Amerikaner im Kanton Capellen. Abends deutsche Einquartierung in Teilen unseres Dorfes.

  1. September 1944 – Ein strahlender Sonntag, frühmorgens deutsche Rückzugskolonne im Dorf. Gegen 9 Uhr zog sie gegen die deutsche Grenze weiter. Gegen 12 Uhr amerikanische Flieger über dem Dorf. Um 2 Uhr Schlacht in der weiteren Nachbarschaft zwischen deutschen Rückzugskolonnen und amerikanischen Vorhuten und Fliegern. Deutsche Rückzugskolonne vollständig zerschlagen. Trümmer derselben langen abends in unserm Dorfe an. Schrondweilerzum Teil zerstört, auch bei Ermsdorf und Savelborn kam es zu kleineren Kämpfen. Abends scheint es, als ob die Deutschen sich in Christnach zum Kampfe stellen wollten. Sie zogen jedoch nachts ab und gingen über. die Grenze zurück.
  1. September 1944 – Die Deutschen sind über die Grenze zurück. Die Amerikaner sind in Fels, rücken aber einstweilen nicht weiter in Richtung auf unser Dorf vor. Um 10 Uhr gehen jedoch die luxemburgischen Fahnen an allen Häusern hoch.
  1. September 1944 – Die luxemburgischen Fahnen werden von den luxemburgischen Resistenzlern von einer Anzahl deutschfreundlicher Häuser heruntergeholt. Einige Kollaborateure werden von der Resistenz verhaftet und im Umzug durchs Dorf nach Fels ins Gefängnis gebracht.
  1. September 1944—Die Freiheitsglocken läuten, amerikanische Kolonnen durchziehen, begrüßt von der Bevölkerung, das Dorf, von Haller kommend und nach Christnach weiterziehend.
  1. September 1944– Amerikanische Spähtrupps durchfahren das Dorf und kontrollieren vorsichtig die nähere Umgebung des Dorfes.
  1. September 1944-Amerikanische Einquartierung im Dorfe. Panzerspähwagen nehmen im Ostausgang des Dorfes und in der sogenannten Brechwies Stellung, ihre Geschütze und Maschinengewehre gegen den Wald Fourels richtend. Abends kommen weiter amerikanische Truppen an.
  1. September 1944– Schwere amerikanische Tanks sind angekommen. Einer nimmt am Ostausgang des Dorfes hinter dem Hause Alf Stellung und geht abends wieder ins Innere des Dorfes zurück. Abends schweres amerikanisches Geschützfeuer über unser Dorf hinweg in Richtung deutsche Grenze.
  1. September 1944– Die schweren amerikanischen Tanks nehmen wieder im Ostausgang des Dorfes Stellung. Spähwagen und Artillerie treffen ein und bereiten im Osten des Dorfes in der Brechwies und auf den Lehen ihre Stellungen vor. Abends wieder schweres amerikanisches Geschützfeuer über das Dorf hinweg.

Die folgenden Tage bis zum 9. Oktober 1944 bieten ziemlich das gleiche Bild. Die schweren Tanks werden morgens in den Ostausgang des Dorfes gefahren und abends wieder ins Dorfinnere zurückgezogen. Auf den Lehen haben die Amerikaner starke Bunkerstellungen errichtet und die Artillerie bereitet in der nördlichen und östlichen Umgebung des Dorfes ihre Stellungen vor. Abends regelmäßiges Geschützfeuer über das Dorf hinweg.

  1. Oktober 1944 – Am Nachmittag eröffnen in der Br’echwies aufgestellte motorisierte amerikanische Geschütze das Feuer gegen die deutschen Grenzbefestigungen und gehen nach einer Stunde in andere Stellungen. Die Deutschen erwiderten das Feuer nicht.
  1. Oktober 1944 – Die amerikanische Artillerie feuert aus Stellungen in der Brechwies; auf der Reistenhoecht und aus Billigertal gegen die deutsche Grenze. Die amerikanischen Stellungen werden gewöhnlich nach einer Stunde Feuerns in Eile gewechselt. Die Deutschen erwiderh jedoch nicht.
  1. – 18. Oktober 1944. – Es ist das gleiche Bild. Die amerikanische Artillerie feuert aus ziemlich denselben Stellungen und auch aus Stellungen bei Haller, ohne daß die Deutschen erwidern.
  1. Oktober 1944 – Nach heftigem amerikanischen Artilleriefeuer erwidern die Deutschen das Feuer und schießen gegen Haller, wo eine größere Anzahl von deutschen Granaten einschlägt, einige auch in Billigertal.
  1. Oktober 1944 bis 24. November 1944 – Dasselbe Bild. 
  1. November 1944 – Gegen Mittag schlugen plötzlich deutsche Granaten in die östlichen und nördlichen Dorfausgänge ein. Außer einigen zerstörten Fensterscheiben und leichter Verwundung der Witwe Alf, keine größeren Schäden.
  1. November 1944 – Wir haben 2 amerikanische Soldaten zu Gast zur Feier des amerikanischen Danksagungsfestes.

Vom 29. November bis 15. Dezember 1944 – Jeden Tag amerikanisches Geschützfeuer gegen deutsche Grenze. Die Deutschen erwidern schwach gegen Haller.

Nachtrag: Ende Septembertreffen Flüchtlingsfamilien aus den der deutschen Grenze nähergelegenen Ortschaften im Dorf ein und finden mit ihrem Vieh und auf Wagen verladener sonstiger Habe gastfreundliche Unterkunft.

Am 15. Dezember gehen die Amerikaner fort. Am Abend neue Einquartierung angemeldet.

Aus unsers ‘Heimatdorfes schwersten Tagen.

unsere Flucht.

Evakuierung und Rückkehr.

Die Nacht vom 15. zum 16. Dezember 1944 war sehr unruhig. Heftiges Geschützfeuer in der ganzen Umgebung.

Gegen Tagesanbruch schlagen plötzlich zahlreiche deutsche Granaten im Dorf und der ganzen Umgebung ein. Wir bringen uns schnell unter der Betondecke des Stalles in Sicherheit. Das deutsche Feuer hält mit einer kurzen Unterbrechung eine halbe Stunde an. Es ist etwas Schaden im Dorf entstanden. Keine Personenverluste. Einige schwächere amerikanische Abteilungen sind wieder im Dorf angekommen. Der Rest des Vormittags war wieder etwas ruhiger, wir hören jedoch sehr schweren Kanonendonner aus nordwestlicher Richtung. Gegen Mittag, als wir uns eben zu Tisch setzen wollen, schlagen wieder die Granaten ins Dorf ein und zwar besonders in den Ostteil, also in unser Viertel. Können nichts mehr essen, die Aufregung ist zu groß. Es entstanden auch diesmal nur Sachschäden. Es kommt am Nachmittag Meldung von dem Vorstoß der Deutschen gegen Diekirch. Wird nicht geglaubt. Aber das anhaltende unheimliche Trommelfeuer aus dieser Richtung! Gegen Abend schlagen wieder sehr zahlreiche deutsche Granaten vorwiegend in den Ostteil des Dorfes ein. Können kaum etwas zu Nacht essen. Aufregung zu groß. Entschließen uns die Nacht in der Stube zuzubringen, da dieselbe, weil an der Südseite gelegen, nach dem Keller der sicherste Ort im Hause ist. Weil es später ruhiger wird, gehen Mutter und Mathilde zu Bett. Ihr Zimmer liegt ebenfalls gegen Süden und deshalb der Einschlagseite der Granaten abgekehrt. Julie und Josy gehen schließlich auch im Zimmer unten im Haus zu Bett. Ich bleibe im Lehnstuhl und versuche ein wenig zu schlafen. Leider nicht möglich. Schon gegen 11 Uhr schlagen wieder Granaten ein und Josy kommt wieder zu mir in die Stube gekrochen, bald auch Julie. Gegen Mitternacht wird es etwas ruhiger und da Julie und Josy nicht mehr dazu zu bewegen sind zu Bett zu gehen, versuche ich im vorgenannten Zimmer etwas Schlaf und Entspannung zu finden. Unmöglich. Sehr unruhige Nacht. Höre die Abschüsse einzelner deutscher Geschütze, dann das unheimliche Pfeifen der Granaten, gefolgt vom Einschlag meist in nächster Umgebung des Dorfes. Vor Tagesanbruch schweres Trommelfeuer aufs Dorf und Umgebung. Es ist Sonntag und da es ruhiger geworden ist, entschließen wir uns in die 1/2 11 Uhr-Messe zu gehen. Wir sehen starke Bewegung unter den Amerikanern. Nach der Messe Meldung des Bürgermeisters: die Deutschen sind in• Mullerthal und suchen von dort aus in unser Dorf zu gelangen. Die Amerikaner entschlossen sich nach Fels zurückzugehen und Waldbillig den Deutschen zu überlassen. Junge Leute, die zu Wehrmacht oder Volkssturm eingezogen werden könnten, sollten möglichst bald das Dorf verlassen. Auch wäre es ratsam, Kinder und alte Leute in Sicherheit zu bringen. Mittagessen auf dem Tisch bleibt unberührt, da heftiges Feuer in der ganzen Umgegend.

Wir gehen in den Keller. Ich erkundige mich nach einer Möglichkeit, Mutter und Josy aus dem Dorf zu bringen. Erhalte Bescheid: Théo Penning fährt spätestens in einer halben Stunde mit Lastwagen ab. Es ist noch gerade Platz für Mutter und Josy. Fahren Mutter mit Handwagen bis zu Thöo. Aufregende Mitteilung: amerikanische Panzer sind beim neuen Kirchhof und hinter dem Hause Penning Thäo aufgefahren und nehmen den Kampf mit den aus dem Fourels angreifenden Deutschen auf. Es ist also ein Befehl an die Amerikaner gekommen, Widerstand zu leisten und den Kampf aufzunehmen. Unbeschreiblicher Lärm.

Lange kann Théo den überladenen Lastwagen nicht in Gang bringen. Aber schließlich gelingt es doch. Eilen etwas beruhigter wieder nach Hause. Wir packen rasch die notwendigsten Kleider auf unsere Fahrräder, um beim Herannahen der Deutschen zu flüchten. Inzwischen Eintreffen weiterer amerikanischer Verstärkungen, Maschinengewehrabteilung nimmt zwischen unserm Haus und Diederichshaus Stellung. Auch auf Dächern und nach Osten gerichteten Fenstern werden Maschinengewehre aufgestellt. Sind mit dem Bepacken der Fahrräder fertig. Rasendes Maschinengewehrfeuer und Abschüsse der amerikanischen Panzergeschütze zeigen, daß die Infanterieschlacht in vollem Gang ist. Gegen drei Uhr treffen weitere amerikanische Panzer ein und fahren auf der neuen Straße hinter unserm Garten, aus allen Rohren feuernd, nur langsam und schrittweise in Richtung Mullertal.

Der deutsche Angriff, wenigstens der erste, scheint demnach abgewehrt. Wir entschließen uns deshalb, schnell noch das meiste Leinen unter den Betten und Schränken zu verstecken. Unbeschreiblicher Lärm. Unheimliches Maschinengewehrfeuer. Vier Uhr: Amerikaner sind zum Gegenangriff angetreten. Infanterie geht in kriechender Stellung entlang den Feldrainen und hinter den Panzern vor. Fürchterliches amerikanisches Geschützfeuer auf Fourels. Amerikanische Infanterie kriecht gegen die Mederfeldshoecht. Der deutsche Angriff ist endgültig für diesen Tag gescheitert und die Amerikaner rücken im Gegenangriff weiter gegen Mullertal vor. Wir entschließen uns, unsere Flucht bis zum andern Tag zu verschieben um zu versuchen, mit dem Wagen möglichst viele Kleider und Nahrungsmittel mit fort zu bekommen. Gegen Abend großartiges Feuerschauspiel auf den Lehen. Offenbar gehen die Amerikaner mit Flammenwerfern vor. Bei Nachteinbruch kommen die Amerikaner von Mullertal aus wieder zurück und melden, daß die Deutschen bis in den Berdorfer Wald zurückgeworfen sind. Ein Panzer wird vor unserm Haus unter den Dachüberhang des Klosenhauses gestellt. Die Kanone und die Maschinengewehre werden schußbereit nach Mullertal gerichtet. Die Panzerbesatzung einschließlich Wachtposten wird bis zum Hause Steinmetz zurückgezogen. Plötzlich schweres deutsches Artilleriefeuer aufs Dorf. Wir bringen uns in Sicherheit; sodann versuchen wir zu Nacht zu essen. Aber es will nicht schmecken. Draußen ist der nördliche Horizont grell erleuchtet. Befort und Berdorf in Flammen. Gegen acht Uhr kommen Flüchtlinge von Befort in unser Haus, fünf Frauen und ein etwa 12jähriger Junge, der durch einen Granatsplitter leicht im Rücken verwundet ist. Sie haben nur das nackte Leben retten können und erzählen schreckliche Dinge aus Befort. Draußen ist es ruhiger geworden. Wir legen den Leuten Matratzen für die Nacht in die Stube und gehen selbst um 10 Uhr auf der gegen Süden gelegenen sogenannten Stubenkammer zu Bett. Obschon während der äußerst unruhigen Nacht Granaten in der näheren Umgebung einschlugen, fanden wir, weil übermüde, doch ein wenig Schlaf. Nicht so die Leute unten in der Stube, welche uns die Nacht als furchtbar beschrieben. Kurz vor Anbruch des Tages, dem 18. Dezember, heftiges Trommelfeuer aufs Dorf. Einschläge in nächster Nähe. Wir ziehen die Bettdecke über den Kopf und sind auf alles gefaßt. Als die Sache wieder für uns noch einmal gut abgelaufen ist, stehen wir auf und gehen in die Stube, wo die Leute in großer Aufregung sind. Neues Artilleriefeuer setzt ein, hört jedoch nach 10 Minuten wieder auf. Die Beforter Leute sind nicht dazu zu bewegen, wenigstens bis zum Kaffee zu bleiben. Sie wollen aus der neuen Hölle heraus.

  1. Dezember 1944 – Einen schweren Einschlag während der Nacht ins Schreineschhaus meldet Nachbarin Weydert. Es war die erste Nacht seit Wochen, in welcher der evakuierte Onkel aus Herborn nicht im Schreineschhaus schlief, sonst wäre er, da der Einschlag in sein Schlafzimmer ging, wohl des Todes gewesen. In unsere Scheune schaut der blaue Himmel herein. Zahlreiche Dachziegel sind zerschlagen. Wir füttern in aller Hast und Aufregung das Vieh. Dann eine kurze Beratung mit den Nachbarn. Einige Frauen meinen: alle wollen sofort die Wagen beladen um möglichst bald zu flüchten. Die Amerikaner sind in großer Aufregung. Zwischen Klosen und Steinmetz liegen sie, mit Maschinengewehr und Gewehren gegen den Berg gerichtet, in Richtung der Häuser Penning Théo und Hary. Auch beim Hause Diederich haben sie wieder Maschinengewehre aufgestellt. Sie behaupten, ein Schuß sei auf dem Berg gefallen. Wir beeilen uns, unsern Wagen instandzusetzen, wobei Nachbar Diederichs Söhne uns behilflich sind. Plötzlich geht die Dorfschelle. Ausrufer Steinmetz gibt bekannt: niemand darf das Dorf verlassen ohne ausdrückliche Ermächtigung der amerikanischen Behörden. Wir sind trotzdem entschlossen, den Wagen zu packen. Eine halbe Stunde später geht wieder die Schelle. Die Zivilbevölkerung darf jetzt das Dorf in Richtung Heffingen verlassen. Kein Vieh darf mitgenommen werden. Wir beginnen den Wagen zu laden. Der polnische Knecht Kasimir des in unserm Dorf evakuierten Bauern von Melickshof ist uns dabei sehr behilflich. Gegen halb 1 Uhr sind wir mit dem Aufladen soweit fertig. Mathilde hat in aller Eile ein Mittagessen bereitet. Wir laden Kasimir dazu ein. Er lehnt ab. Wir geben ihm Zigaretten und etwas Branntwein. Auch wir können kaum einige Bissen essen. Aufregung und Durcheinander sind zu groß. Wir füttern das Vieh und lassen die Kälber los. In einem Schweinestall haben wir Kartoffeln liegen. Wir öffnen die Türe desselben und ebenso die Türen der anderen Schweineställe, damit die Tiere bei einer längeren Abwesenheit unsererseits ihren Hunger dort stillen könnten. Der Hühnerstall wird ebenfalls geöffnet. Mathilde will noch Wurst, welche wir auf dem Oberspeicher zum Trocknen aufgehängt hatten, mitnehmen. Einschlagende Granaten machen es unmöglich. Wir bringen das Radio noch auf den Wagen und wollen diesen dann, da es zu regnen beginnt, zudecken. In diesem Augenblick fahren Klosens ab. Plötzlich schlägt eine Granate in nächster Nähe, wahrscheinlich in unserm Garten ein. Splitter fliegen an mir vorbei in unsern Schuppen. Wir sind zu Tode erschrocken. Julie wirft sich unter den Wagen. Ein wütendes Bombardieren setzt ein. Wir flüchten schnell ins Haus. Eine halbe Stunde lang schlagen die Granaten ins Dorf ein. Dann kommen sie nur mehr ganz einzeln. Wir sperren das Haus ab. Diederichs sind noch nicht mit Einpacken fertig. Sie können also heute nicht mehr abfahren. Wir legen ihnen ans Herz, morgen früh noch nach unserm Vieh zu schauen. Wir spannen die Ochsen schnell an den Wagen und fahren in aller Eile ab. Im Dorf ist bereits ein fürchterliches Durcheinander. Telephon- und defekte Drähte liegen durcheinander. Starke amerikanische Kräfte sind im Dorf. Fast hinter jedem Haus ist ein Panzer. Mathilde fährt mit dem Rad und kommt auf der Christnacher Höhe zu uns. Wir schauen noch einmal zurück, aber Angst und Aufregung lassen uns den Abschied vom Dorf nicht allzu schwer erscheinen. Erst hinter Christnach atmen wir erleichtert auf. Wir hatten Glück. Wir waren aus der Gefahr heraus und während des ganzen Weges ist keine Granate gekommen. Bei Nachtanbruch kommen wir in Heffingen an, wo wir im Hause Sins Jean gastfreundliche Aufnahme und Unterkunftfür die Nacht fanden. Wir sind hier mit andern Waldbilligern, den Familien MajerusGoerens und Huss zusammen. Erhalten ein reichliches Nachtessen, Treipen, welche mir sehr gut schmeckten. Mathilde und Julie bekommen noch Betten um zu schlafen. Ich schlafe auf dem Kanapee, welches Frau Sins so bequem wie möglich als Bett instandgesetzt hat. Ich schlafe ein wenig. Dann heftiges Pochen an der Türe. Bin etwas erschrocken, da ich befürchtete, daß die Lage sich verschlimmert habe. Doch nur die Ochsen, welche in einer Scheune angebunden waren, haben sich losgerissen und eine nächtliche Bummelei durch Heffingen angetreten. Heffinger Einwohner haben sie eingefangen und zurückgebracht. Habe sie wieder angebunden und lege mich wieder auf mein Sofa. Aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich bin fest entschlossen bei Tagesanbruch einen Versuch zu machen, noch einmal, und sei es auch bloß für eine Stunde, in unser Hejmatdorf zu gelangen, um das Vieh noch einmal zu versorgen und einige vergessene Gegenstände mitzubringen.
  1. Dezember 1944 – Bin schon lang vor Tagesanbruch auf den Beinen und gehe bis an das östliche Ende des Dorfes. Höre die Granaten wieder in Waldbillig einschlagen. Armes Heimatdorf! Frühzeitig bringt die Aufregung die Heffinger Leute aus den Betten und schon bald ist Leben im Dorfe.

Wir trinken noch unsern Morgenkaffee im gastfreundlichen Hause Sins. Dann nehme ich mein Rad und fahre in Richtung Christnach. Ein junger Mann aus unserm Dorf, der seinen Vater noch dort Weiß, gesellt sich zu mir. Waldbilliger Flüchtlinge begegnen uns und raten uns ab, den Versuch noch zu machen. Wir fahren weiter, doch müssen wir noch vor den ersten Häusern von Christnach einschlagender Granaten wegen absteigen und Schutz im Straßengraben suchen. Wir können die Lage jetzt einigermaßen übersehen. Eine schwere Schlacht tobt unterhalb Christnach und besonders unterhalb Waldbillig. Ein unbeschreiblicher Lärm. Ohne Unterlaß donnern die Abschüsse der amerikanischen Kanonen, krachen explodierende Granaten, welche in die Wälder unterhalb Waldbillig, besonders in den Fourels einschlagen. Dazwischen die Einschläge der deutschen Granaten, welche besonders auf Waldbillig gerichtet sind und zu alledem noch das wahnsinnige unaufhörliche Rattern der Maschinengewehre. In Christnach werden wir von den amerikanischen Militärposten zurückgeschickt. Aus dem untern Teil von Christnach ziehen sich die Amerikaner bereits zurück. In Eile ergreift der Rest der Christnacher Zivilbevölkerung die Flucht. Wir hören, daß Waldbillig zwangsvakuiert ist und fahren nach Heffingen zurück, mit dem festen Entschluß sofort weiterzufahren. Aufgeregte Gruppen, entmutigte Leute aus Waldbillig und Christ-nach stehen beieinander und verfolgen aus der Ferne den Gang der Schlacht. In Heffingen große Aufregung. Alles packt zusammen. Die letzten zwangsevakuierten Waldbilliger kommen an. Mitgenommene Menschen, denen man das Erlebte von den Gesichtern absieht. Hören Einzelheiten über die letzte furchtbare Nacht. Unter anderen habe Nachbar Diederichs Haus zahlreiche Einschläge erhalten. Wir spannen schnell an und fahren gegen 11 Uhr ab in Richtung Fischbach. Wir werden unterwegs von zahlreichen schnelleren Gespannen überholt. Unser Heimatdorf und die ganze Umgebung einschließlich Fels und Medernach auf der Flucht. Es ist mildes Wetter, zeitweise leichter Sprühregen und dichter Nebel. Wir sind sehr abenteuerlich gekleidet. Ich habe zwei schwere Überzieher an und es wird mir fast zu warm. Leute mit 2 und mehr Hüten auf dem Kopfe kann man sehen. In Fischbach kurze Rast, um uns etwas zu erfrischen. Überall werden wir von der Bevölkerung ängstlich über die Lage ausgefragt. In Blaschette stehen die Leute untätig auf der Straße, um ihren Pfarrer versammelt. Letzterer befragt uns über die Lage. Wir beruhigen sie, indem wir der Meinung Ausdruck geben, daß die jetzt eingesetzten starken amerikanischen Kräfte die Lage schließlich doch noch meistern würden. Wir sind bereits todmüde. Mathilde fährt mit dem Rad nach Hünsdorf weiter, während Julie und ich noch gerade vor Nachtanbruch bei Familie Tonnar-Reuter in Heisdorf ankommen. Wir bringen die Ochsen in einem guten Stall unter. Wir essen zu Nacht, das erstemal seit Tagen ohne die obligate Aufregung. Nachdem wir unsere Erlebnisse erzählt haben, erhalten wir für die Nacht ein sehr gutes Bett. Wir schlafen trotz großer Müdigkeit schlecht. Denn auch bis hierhin dringt der Lärm der Schlacht. Auf der großen Straße vor dem Hause rollt unaufhörlich Nachschub und Verstärkung der Amerikaner. Schweres Trommelfeuer aus nördlicher und nordwestlicher Richtung beunruhigt uns. Wenn es den Deutschen gelänge bis Arlon vorzustoßen, wären wir in Gefahr umgangen zu werden und wir müßten vielleicht weiter flüchten. Wohin? Wir laden den Wagen deshalb noch nicht ab. Die beiden ersten Tage ruhen wir uns von unsern Strapazen aus. Am 21. kommt Julies Schwester mit Mann und 6 Kindern an. Sie haben ein Pferd mit Karren, auf welchem sie ihre letzten Habseligkeiten verstaut haben. Wir laden nun unsere Sachen ab und bringen unsern Wagen in den Garten. Ich fahre an diesem Tage wie auch am.vorhergegangenen nach Hünsdorf per Rad. Dort ist starke amerikanische Einquartierung. Die Feldküche ist in der Schule und es fällt so manches daraus für uns Evakuierte ab. Es ist kälter geworden und am 22. fällt viel Schnee. Mich beunruhigt stark das Schicksal unseres zurückgelassenen Viehs, denn ohne dasselbe haben wir kaum eine Lebensmöglichkeit mehr bei unserer Rückkehr. Am folgenden Tage ist es kalt und hart gefroren. Jede Arbeit draußen, welche uns unsere trübseligen Gedanken etwas verscheuchen könnte, ist jetzt unterbunden. Die Nachtruhe wird dazu noch beständig durch das Vorbeirollen des schweren amerikanischen Materials sowie wohl auch durch die im Tale aufgestellte Flak gestört. Die Kälte wird immer schärfer. Ein schneidender Nordwind hat eingesetzt. Das Wetter ist klar geworden. Die Flieger konnten in Aktion treten. Jetzt wußten wir, die Deutschen sind verloren.

  1. Dezember 1944 – Am hohen Weihnachtstage ging ich bei strengem Frost durch hohen Schnee nach Steinsel zur Messe. Aber gerade an diesem Feste kam unsere Niedergeschlagenheit, kam uns die ganze Trostlosigkeit unserer Lage am stärksten zum Bewußtsein. Besonders erschütterten uns die Kollekten, welche in allen Kirchen für die Evakuierten abgehalten wurden. Unvergeßliche Weihnachten 1944.

Wir konnten ziemlich zufrieden mit unsern Gastgebern sein. Wir hatten genug zu essen, einen warmen Ofen, ein gutes Bett. Wenn nur nicht die drückende Sorge gewesen wäre. Die meisten Leute unsers Dorfes, welche auf die ganze Gegend von Heffingen bis Luxemburg verteilt waren, einige auch in der Minettegegend, waren gut aufgenommen worden. Nur ein paar Familien mußten wechseln. Es fällt wieder Schnee. Trotzdem entschließe ich mich, am Stephanstage den Versuch zu machen, möglichst nahe an unser Heimatdorf zu gelangen. Wie es wohl dort aussehen mag? Durch tiefen Schnee fahre ich mit dem Rad bis Fischbach, wo ich weitere Waldbilliger antreffe. Wir fahren nach einigen Schwierigkeiten mit den überall aufgestellten luxemburgischen und amerikanischen Posten bis Fels weiter. Wir erhalten Bescheid, anderntags wiederzukommen, da wir möglicherweise, da das Dorf bis dahin ganz von den Deutschen gesäubert sei, für einige Stunden eingelassen würden, um nach dem Vieh zu sehen.

  1. Dezember 1944 – Bin schon früh auf dem Wege nach Fischbach, wo das große Stelldichein für die Kolonne ist, welche in das noch im Kriegsgebiet liegende Waldbillig einfahren soll. Um 9 Uhr sind alle zusammen und fort geht es in den kalten Wintertag hinein, zunächst nach Fels. Bald sind wir zu 20, alle per Rad. Kurzer Aufenthalt. Der luxemburgische Gendarm Olinger begleitet uns und fort geht die Kolonne in tiefstem Schweigen in Richtung Christnach. Der Schlachtenlärm kommt wieder näher an uns heran. Wir sind alle sehr ernst und gedrückt gestimmt. In Christnach die ersten großen Spuren des Kampfes, einige verbrannte Gebäude, abgedeckte Dächer, einiges verendete Vieh am Wege. Weiter fahren wir, der Gendarm immer an der Spitze, nach der Christnacher Höhe, von wo aus wir unser Heimatdorf zuerst überblicken können. Am Wege ein totes Pferd. Der Schnee ist geschwärzt vom Pulverrauch und ist Zeuge der Härte der stattgefündenen Kämpfe. Wir gehen zu Fuß die Höhe hinunter in unser Dorf. Die Verwüstung und Zerstörung in der Hundsgasse und in der Dorfmitte läßt sich kaum beschreiben. Der Kirchturm ohne Dach droht zusammenzustürzen. Große Beschädigung am Kirchendach, kein Fenster mehr in der ganzen Kirche. Der Vereinsschuppen zerstört. Die Gerätschaften auf einem Haufen liegend und von Granaten zerschlagen. Ringsum Ruinen, teils Brandruinen, teils von den Granaten zerschossen. Allenthalben totes Vieh am Wege. In der Dorfmitte müssen wir warten, bis wir von den amerikanischen Behörden eine Aufenthaltsbescheinigung bekommen. Wir erhalten die Erlaubnis, bis 4 Uhr im Dorfe zu bleiben. Ich begebe mich allein nach dem untern Dorf, zu unserem Hause. Eine gewisse Unheimlichkeit beschlich mich, obschon ich zu allem entschlossen war, als ich fast wie ein Dieb an den grauenvollen Bildern, welche sich überall boten, vorbeischlich. Um unser Haus liegt reichlich totes Vieh. Unser Hausgarten bietet einen Anblick fast beispielloser Verwüstung. Zahlreiche Bäume vernichtet, andere von Kanonen und Tanks niedergewalzt, zahlreiche Krater von Granateinschlägen und dazwischen totes Großvieh mit unförmig aufgetriebenen Leibern. Unser Haus hat im Verhältnis zu vielen andern nicht so schwer gelitten. Aber in der Scheune hatten wir mehrere Einschläge bekommen, auch einen in den Schweinestall. Ich gehe zuerst in den Rinderstall. Er ist leer.

Nur ein großer amerikanischer Abort und Abstellraum für leere Kisten. Haben wir denn gar kein Vieh mehr behalten? Im Pferdestall treffe ich eine Kuh, die ich nach einiger Mühe als eine der unsrigen identifiziere. Ich band sie wieder an und gab ihr Heu und Wasser. Der Schweinestall war leer, aber im vorgelagerten Schuppen waren mehr Schweine als uns gehörten. Ich konnte die Unsrigen jedoch erkennen. Im Hühnerstall war alles in Ordnung. Die Amerikaner hatten dieselben während unserer Abwesenheit gefüttert. Damit die im Schnee noch herumlaufenden Kühe Nahrung finden sollten, hatten die Amerikaner sämtliche Runkelrübenkeller geöffnet. Ich betrete nun unser Haus mit dem bedrückenden Gefühl, ein Fremdling zu sein. In der Stube sind amerikanische Offiziere einquartiert. Ich stelle mich als Hausherr vor. Man ist sehr freundlich zu mir. Es ist ziemlich Ordnung in der Stube. Die Hausuhr hängt noch an der alten Stelle. Immerhin ist der Schrank duröhwühlt, Bücher und Sonstiges zum Teil herausgeworfen. Ein Offizier sperrt den Schrank ab und übergibt mir den Schlüssel. Ich gehe von einem Zimmer ins andere. Überall Einquartierung. Mein Schlafzimmer. zur vorderen Seite gelegen, ist besonders stark belegt. Die Spiegeltüre des Schrankes ist durchlöchert, der Bodenbelag (Balatum) entfernt. Man bringt mir mit einiger Mühe bei: hier wurde ein Deutscher, der sich hinter der Türe versteckte, von den Amerikanern von der Treppe aus erschossen. In sämtlichen Zimmern sind die hauptsächlichsten Möbel noch vorhanden, auch sind überall Ofen aufgestellt und es wird tüchtig gefeuert. Natürlich muß unser Holz herhalten. Auf dem oberen Speicher hatten wir Wurst zum Trocknen hängen. Es war alles weg. Im Schornstein haften wir 4 Schinken und sonstiges Fleisch hängen. Alles fort! Waren es die Preußen oder die Amerikaner? Wir wissen es nicht: Draußen vor des Nachbars Haus liegen tote Kühe. Ich sehe Marcel und Jean Diederich vor dem Stalle stehen und schließe mich ihnen an. Wir haben die Aufgabe, nach dem Vieh im untern Dorfteil und auf dem Berg zu sehen. Vor Diederichs Rübenkeller sehe ich 2 unserer Kühe, wovon eine am Fuß durch Granatsplitter verwundet ist. Das Vieh ist halb verwildert und es gelingt mir nicht, dieselben sofort einzufangen. Da die Zeit schon fortgeschritten ist, muß ich diese Arbeit für heute einstellen. Wir gehen auf den Berg. Vor dem Hause Huss liegt ein toter deutscher Soldat, wahrscheinlich erst vor wenigen Stunden erschossen. Dr Anblick macht auf uns wenig Eindruck, da wir schon für dergleichen Sachen ziemlich abgehärtet gewörden sind.

Jeng Diederich hat sein Schlachtmesser noch zu Haube vorgefunden und es in seinen Rock gesteckt. Beim Abstieg von einer Leiter stößt er sich schwer mit dem Arm in die Spitze desselben. Er scheint ohnmächtig zu werden. Marcel und ich führen ihn in ein im Hause Ferber eingerichtetes amerikanisches Lazarett, wo er sofort ärztliche Hilfe erhält. Alsdann ist es Zeit, das Dorf zu verlassen. Spät komme ich abends in Hünsdorf an, wo glücklicherweise Eugen inzwischen angekommen ist. Er hat auf der Flucht vor den Preußen auf langem Umweg durch belgisches. Gebiet per Fahrrad unsern vermutlichen Aufenthaltsort aufgesucht und gefunden. Wir beschließen, am nächsten Morgen zu zweit nach Waldbillig zu fahren. Vielleicht gelingt es uns dann einiges Vieh zu retten.

Nachdem ich etwas gegessen habe, fahre ich trotz des Verbotes bei dunkler Nacht durch die verschneiten Steinseler Wiesen nach Heisdorf, wo ich meine Erlebnisse ein weiteres Mal erzählen muß. Trotz sehr großer Müdigkeit konnte ich jedoch diese Nacht kaum Schlaf finden, wegen allzu großer Nervenanspannung.

  1. Dezember 1944 – Ein trüber Wintertag. Es ist neuer Schnee gefallen. Trotzdem sind wir auf unsern Fahrrädern schon früh auf dem Wege nach Waldbillig. Bei unserer Ankunft stellen wirfest, daß bereits eine Anzahl Leute im Dorfe waren, um noch einiges Vieh und andere Habseligkeiten zu retten. Als wir an diesem Tage gegen 4 Uhr das Dorf verließen, hatten wir 3 unserer Kühe gefunden und im Stalle angebunden. Auch unsere Schweine hatten wir wieder in den Stall gesperrt. Der Schweinestall sollte übrigens für die nächste Zeit unser Wohn- und Speisezimmer sein, wo wir jeden Mittag das mitgebrachte Essen verzehrten. Nachdem wir sämtliches Vieh gefüttert hatten bis auf die Hühner, welche sonderbarerweise die Amerikaner fütterten (weshalb konnten wir später feststellen) beluden wir unsere Fahrräder mit noch aufgefundenen Gegenständen und fuhren zurück in unsere vorläufige neue Heimat, Hünsdorf, Heisdorf. Wir entschließen uns noch einige Tage lang beide nach Waldbillig zu fahren, da noch so vieles Zurückgebliebene zu retten war. Eugen blieb in Hünsdorf, während ich durch die Schneenacht nach Heisdorf weiterfuhr.
  1. Dezember 1944 – Noch höher ist der Schnee gefallen und er bedeckt das zahlreiche an den Wegen liegende Vieh, so daß der Anblick des Ganzen nicht mehr so grausig ist. Nur ein etwas erhöhter Schneehaufen zeigt an, wo so eine tote Kuh oder dergleichen liegen mag. Wir bekamen bald Zuwachs im Kuhstall, da eines unserer Rinder von Binsfeld Mich als das Unsrige erkannt und uns übergeben wurde. Wirfüttern das Vieh und fahren mit dem Handwagen, auf welchem wir einen Ballen Mehl und anderes verstaut hatten, nach Heffingen, wo wir beide diese Nacht logierten.
  1. Dezember 1944 – Wir füttern das Vieh, wobei wir erfreulicherweise wieder eines unserer drei Rinder zurückgekehrt vorfanden. Dann schlachten wir eines unserer Schweine und schleppen es auf Josys kleinem Schlitten nach Heffingen. Eugen blieb in Heffingen, um bei beginnender Nacht das Schwein zu reinigen und auszuweiden, während ich nach Hünsdorf weiterfuhr, von wo ich nach dem Essen im Dunkel der Nacht zu verbotener Zeit nach Heisdorf weiterfuhr.
  1. Dezember 1944 – Ein frostiger heller Wintermorgen. Ich fahre früh in Heisdorf ab, um über Steinsel nach Hünsdorf zu gelangen und von dort, nach Einnahme des Morgenkaffees, die lange beschwerliche Fahrt zum Viehfüttern anzutreten. Eugen ist bereits mit dieser Arbeit fertig, als ich gegen halb 11 Uhr ankomme. Das dritte unserer Rinder hatte sich während der Nacht auch eingestellt. Wir begannen die Umgegend nach unserm noch verlorenen Vieh abzusuchen und fanden eines unserer Kälber, welches aber schon krank war. Unser Mittagessen nahmen wir wie immer im Schweinestall ein. Darauf durchsuchten wir die weitere Umgegend unsrer Viehparks im Bunten und Digrell nach unsern noch vermißten Kühen ab. Wir konnten nichts mehr finden und kehrten durch den Kalkenweg zurück. Beim Hause Lorang angelangt, schlug plötzlich eine deutsche Granate dicht hinter genanntem Hause ein. Granatsplitter flogen über das Hausdach und fielen zu unsern Füßen. Wir flüchteten in den Keller. Es ist dort stockdunkel und man kann nichts unterscheiden. Amerikaner, Zivilisten und Kühe stießen sich gegenseitig an. Draußen dauerten die Einschläge der Granaten eine halbe Stunde und mehr. Dann wird es plötzlich ruhig. Wir gehen mit den andern Zivilisten aus dem Keller. Emil Weiter, zum ersten Male seit der Flucht auch zum Viehfüttern im Dorfe, war sehr aufgeregt. Er sprach auf uns ein, mit ihm sofort das Dorf zu verlassen. Er verließ das Dorf dann auch, ohne sein Vieh zu füttern. Hatte er eine böse Vorahnung?

Wir schlachteten unser zweites Schwein, werfen dem Vieh noch ein wenig Futter vor und fahren ersteres mit Handwagen nach Heffingen, wo wir sofort mit dem Reinigen begannen und noch vor Nacht damit fertig wurden, so daß ich mich entschloß, trotz vorgerückter Stunde noch nach Heisdorf zu fahren, wo ich wieder allzu spät ankam.

Neujahrstag 1945 – Ein Unglückstag für unser Heimatdorf.

Obschon ich vor Tagesanbruch in Hünsdorf den Kaffee einnahm und ich mich beim ersten Hellwerden schon auf dem Weg nach Waldbillig befand, hatte neugefallener Schnee die Wege so schlecht passierbar gemacht, daß ich erst gegen 11 Uhr ankam. Eugen, der wieder in Heffingen bei Familie Cloos übernachtet hatte, war fast mit dem Viehfüttern fertig. Wir entschlossen uns, um keine Zeit zu verlieren, sogleich unser Mittagsmahl, das meist aus kaltem Fleisch und amerikanischen Pfannkuchen bestand, in unserm täglichen Restaurant, dem luftigen, von einer Granate durchschossenen Schweinestall einzunehmen. Dann begannen wir, unsere noch vorhandenen Haushaltsgegenstände: Porzellan, das Kanapee usw. aus der Küche durch das Küchenfenster in den Schweinestall zu bringen, um dieselben dort zu verstecken. Ich reichte Eugen die einzelnen Gegenstände durchs Fenster, da er sie dann draußen abnahm und in den Schweinestall trug. Es war mittlerweile ungefähr 12 Uhr geworden und wir waren mit unserer Arbeit fast fertig. Plötzlich hörte ich einen eigentümlichen halb pfeifenden Ton, vergleichbar dem Geräusch wenn ein Schiefer übers Dach rutscht. Ich wußte Bescheid und duckte mich schnell hinter den Küchenschrank. Schon schlägt die Granate in unserm Garten ein, nur knapp 20 m vom Küchenfenster. Eine Wolke von Staub, vermischt mit einigen Granatsplittern, kommt zum Fenster herein. Mein erster Gedanke: „Wo ist Eugen? » War er eben auf dem Weg zum Küchenfenster, so mußte er wohl getroffen worden sein. Die Türe von der Küche zum Stall hin war verbarrikadiert und so konnte ich zunächst nicht nachsehen. Schon schlägt eine zweite Granate ein, diesmal in die Verbindung unsers Schuppen mit dem Hause. Splitter durchschlagen die Diele und zerschlagen das dort untergestellte Kanapee; auch der Handwagen, auf welchem wir schon so manches fort und in Sicherheit brachten, wird beschädigt. Eine dritte schwere Granate, welche in wenigen Sekunden folgt, streift unsern Hausschornstein und wirft ihn zum Teil um, dann durchschlägt sie, mit furchtbarem Knall explodierend Nachbar Weyderts Hausfassade, dort ein fürchterliches Loch reißend. Jetzt schlagen die Granaten etwas entfernter im oberen Dorf ein, und ich sehe jetzt Eugen, aus dem Schweinestall in den sicheren Kuhstall flüchtend. Jetzt versuche auch ich mich etwas mehr in Sicherheit zu bringen und da eben eine kleine Feuerpause ist, eile ich schnell in den Keller allwo sich auch schon ein Amerikaner befindet. Kaum bin ich unten angelangt, schlagen die Granaten wieder in allernächster Nachbarschaft ein. Zwei weitere Amerikaner gesellen sich zu mir in den Keller. Plötzlich laufen sie schnell nach oben. Eine in Diederichs Kuhstall eingeschlagene Granate hat im Hof des Hauses zwei Amerikaner zerrissen. Eine halbe Stunde noch dauern die Einschläge. Dann wird es plötzlich wieder ruhig. Ich steige wieder nach oben und gehe zu Eugen in den Stall. Wir entschließen uns schnell noch dem Vieh ein wenig Futter zu geben und dann verschwinden wir fort aus unserm wieder sehr ungemütlich gewordenen Heimatdorf. Wir laden schnell noch mehrere Säcke, 2 Ztr. Mehl, 1 Ztr. Salz und 1 Ztr. Hafer auf Josys kleinen Schliffen und wollten diesen über den Digrell nach Heffingen schleppen. Klenschen Marie empfing uns noch unten vor ihrem Hause und sagte, oben im Dorfe seien mehrere Zivilisten von Granaten erschlagen worden, darunter Eugen Weydert und eine weitere noch nicht identifizierte Person, während Eduard Majerus sehr schwer verwundet sei. Wir nehmen, ohne allzu fest daran zu glauben, Notiz davon und setzen unsern gefährlichen, mühseligen Weg fort, so daß trotz Schnee und Kälte der Schweiß aus allen Poren drang. Auf dem Digrell angekommen, werfen wir den Schliffen in dem von Panzern ausgefahrenen schneebedecktem Wege um. In aller Eile laden wir wieder auf, fahren weiter und werfen ihn nach 10 Schritten wieder um. Wir beladen ihn im Schweiße unsers Angesichts ein drittes Mal und werfen ihn wieder um. Wir waren uns jetzt unserer gefährlichen Lage bewußt. Hier oben mußten wir jetzt ein gutesZiel für die deutsche Artillerie bilden. In diesem Augenblick schossen amerikanische Geschütze über unsere Köpfe hinweg. Schaurig heulten die Granaten knapp über uns und wenig später hörten wir die Einschläge drüben beim Feind. Wir trugen jetzt unsere Säcke Stück für Stück einige 30 bis 40 Meter voran. Hier ist der Weg wieder besser. Wir laden wieder auf und kommen glücklich in Christnach an. Wir stoßen zu mehreren Waldbilligern, alle ganz aufgeregt und in großer Eile der Gefahrenzone zu entkommen suchend. Wir erfahren den genauen Sachverhalt der tragischen Vorkommnisse im oberen Dorf. Durch eine Granate wurden getötet: Weydert Eugen und Schintgen Alfons, der Mann von Richard Amölie. Durch dieselbe Granate wurde auch Majerus Eduard schwer verwundet (Lungenschuß). Eine andere Granate erschlug beim Hause Birgen einen fremden Radfahrer. Von einem Splitter einer in unserm Garten explodierenden Granate wurde Weiter Emil schwer verwundet und unter Lebensgefahr von Frisch Mathias und einem Amerikaner in ein Haus geschleppt. Die beiden Schwerverwundeten wurden sofort von den Amerikanern in Pflege genommen. Wir schleppen unsern schwer beladenen Schliffen unter größter Mühe auf Heffingen zu, wobei wir überraschend Hilfe bekommen durch den bekannten Polen Kasimir, dem ich als Dank etwas Zigaretten gab. Eugen blieb während der Nacht in Heffingen, während ich nach Hünsdorf – weiterfuhr, wo inzwischen die Nachricht von dem Unglück in unserm Heimatdorf bereits angelangt war. Viel mußte ich in Hünsdorf erzählen und spät erst trat ich den Weg durch die tief mit Schnee bedeckten Steinseler Wiesen nach Heisdorf an, wo ich erst lange nach der von den Amerikanern für Zivilisten festgesetzten Stunde eintraf. Ich war todmüde und so stark entmutigt, daß ich nicht wußte, ob ich noch weiter in die Gefahr gehen sollte oder das Vieh einfach seinem Schicksal überlassen sollten.

Januar 1945 – Ich habe einen andern Plan. Ich will nach Heffingen zu Eugen fahren und dann werden wir versuchen, unser Vieh nach Christnach zu nehmen. Im Pitteschstall ist viel Platz und so breche ich dann wiederfrüh auf, um per Rad nach Heffingen zu kommen, eine mühselige Fahrt, da wiederum viel Schnee gefallen ist.

Am 2. Januar 1945 hört das Tagebuch auf: Arthur Funck wurde in Heffingen mit dem Fahrrad von einem U.S.-Fahrzeug angefahren und war für längere Zeit schreibunfähig.

 

Arthur Funck