Der Schießentümpel

(Aus der Jubiläumsbroschüre der Chorale Ste. Cécile Christnach von 1963)

Wer kennt ihn nicht, den Schießentümpel, den kleinen dreifingerigen Wasserfall der Schwarzen Ernz im Herzen des Müllerthals, mit der charakteristischen schmalen Steinbrücke? Jedes Schulkind, ganz gleich aus welcher Gegend unseres Landes, wird wenigstens einmal während seiner schulpflichtigen Jahre auf einem Ausflug im Müllerthal am Schießentümpel gewesen sein.

Ohne Zweifel ist der Schießentümpel das Symbol des Müllerthals, sogar ein Symbol des luxemburgischen Tourismus. Auf jeden Fall wird unser «Wasserfall» während der Saison tagtäglich von einer großen Anzahl Touristen der verschiedensten Länder besucht. Selbstverständlich muss bei dieser Gelegenheit der Fotoapparat in Aktion treten, denn der Tümpel und seine Umgebung liefern ein wunderbares Bild für das Fotoalbum. Wie oft der Müllerthaler Tümpel das Gemüt eines Malers anregte, könnte bestimmt nur er allein uns zuflüstern.

Für [die] Christnacher aber bedeutet der Schießentümpel mehr als eine touristische Merkwürigkeit im Rahmen des romantischen und träumerischen Müllerthals. Für [sie] ist er ein Stück Heimat. Nicht nur weil er zur Hälfte zur Gemeinde Waldbillig gehört, sondern vor allem, weil J. P. Prommenschenkel, der Erbauer der schmalen Brücke, die in einem kühnen Bogen von Fels zu Fels springt, ein Christnacher war.

J. P. Prommenschenkel kam am 19. 9. 1843 als Sohn von Nic. Prommenschenkel und Maria Scholtes zur Welt. Er sollte später ein tüchtiger Maurer werden, der in der ganzen Umgebung von seiner Geschicklichkeit Zeugnis ablegte. Er erhielt von Baukonduktor Dondelinger aus Echternach den Auftrag eine Brücke über den Schießentümpel zu bauen, die sich der Umgebung anzupassen hatte. J. P. Prommenschenkel zeichnete selbst den Plan und leitete die Arbeiten, die von dem damaligen Cantonnier Weyland aus Christnach und seinen Arbeitern ausgeführt wurden. Gebaut wurde mit Dampfkalk (d. h. der Kalk wurde mit Wasser gemischt, sodass er sich erwärmte und dampfte. Diese Masse wurde mit Sand zugedeckt, damit die Hitze nicht entwich, bis zu dem Moment, wo der Kalk zur Verarbeitung gebraucht wurde). Prommenschenkel meißelte in die Außensteine allerhand Figuren, die heute aber zum größten Teil wieder zerstört sind. Erhalten geblieben ist nur der Kopf eines Krokodils, ein Schneckenhaus, ein Wiesel und Teile anderer Figuren. In welchem Jahre diese Arbeiten vorgenommen wurden, konnten wir leider nicht erfahren. Schade. Selbst im Büro der «Ponts et Chaussées» in Echternach scheinen derartige Notizen nicht vorhanden zu sein. Vielleicht entstand die Brücke 1881 als die Straße von Müllerthal bis Breitweilerbrücke angelegt wurde. Die Christnacher «Uelegsmillen» besitzt eine wertvolle Handzeichnung von Kaplan Weis aus Breitweiler aus dem Jahre 1869, auf der die Brücke noch nicht vorhanden ist.

Tatsache ist, dass der Schlussstein (der zuletzt gelegte Stein, der das ganze Gefüge hält) eine Urkunde enthält, auf die Prof. Engling sämtliche Angaben, die für uns heute so wichtig wären, niederschrieb. […]

Was [J.P. ] Prommenschenkel heute wohl zu seinem Werk sagen würde? In letzter Zeit wurden nämlich verschiedentlich dem Müllerthal durchaus fremdartige, spitzzahnartige Steine aus einem entfernten Steinschlag angebracht. Wir können bloß mit Bedauern feststellen, dass dieses abstoßende Gefüge überhaupt nicht zu dem Tümpel und seiner eleganten Brücke passt.

J. P. Prommenschenkel war nicht nur ein tüchtiger Maurer, er besaß auch große Fähigkeiten im Holzschnitzen. Noch heute ziert die Stube seines Vaterhauses (heute P. Dahm-Ritter) ein von ihm aus Holz geschnitzter Hirschkopf in Lebensgröße. Auf den Geweihen desselben ruht ein wahrhaft kunstvoller Reisestab aus Lindenholz. Den Platz hinter dem Hause hatte Prommenschenkel als Park angelegt. Darin steht sein Bienenhaus noch, das er 1925 (also im Alter von 82 Jahren) selbst mit Steinen aufrichtete. Er selbst war aus harten Steinen geschlagen und besaß eine wahrhaft starke Natur. 86jährig radelte er noch an einem Nachmittag von Christnach nach Reisdorf und zurück.

Am Stephanstage 1937 stellte der greise Meister seinen Mann noch bei einer Kartenpartie bis 5 Uhr morgens. Am Sylvesterabend lag er aufgebahrt in seiner Kammer. Nach kurzem Unwohlsein gab er am 29. 12. 1937, im hohen Alter von 94 Jahren, seine Seele in die Hände seines Schöpfers zurück. Sein Werk und sein Name aber leben weiter in der kleinen Brücke über dem Schießentümpel, deren verschiedenartigsten Reproduktionen heute manche Stubenwand ziert, und das nicht nur in unserer trauten Heimat, sondern auch im weiten Ausland.