Sorgen und Nöte der luxemburgischen Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg

Durch den Londoner-Vertrag (Mai 1867), welcher die immerwährende, unbewaffnete Neutralität des Luxemburger Landes, durch die Unterschriften der europäischen Großmächte besiegelte, wähnten sich die Luxemburger in Sicherheit. Ihre Unabhängigkeit schien für immer gesichert. Selbst die kriegerische Auseinandersetzung von 1870 zwischen Frankreich und Deutschland, bei welcher Luxemburg verschont wurde, schien diese Zuversicht zu bestätigen.

Als dann am 2. August 1914, deutsche Truppen ohne Rücksicht auf die ebenfalls von Deutschland unterzeichneten, internationalen Verträge, die Neutralität Luxemburgs missachteten und innerhalb weniger Stunden das Land besetzten, standen die gutgläubigen Einwohner unter Schock. Selbst die Regierung war nicht auf diese Überrumpelung vorbereitet. Was konnte die Freiwilligenkompagnie von knapp150 Mann, gegen die gut ausgerüsteten Armeen Deutschlands ausrichten? Die von der luxemburgischen Regierung vorgebrachten Proteste wurden zwar deutscherseits angehört, aber sie änderten nichts an den vollendeten Tatsachen des völkerrechtlichen Vertragbruchs durch das Deutsche Kaiserreich.

Um den feigen Überfall auf das neutrale Luxemburg weiter zu illustrieren, sollte man wissen, dass die deutsche Kriegserklärung an Frankreich erst anderntags, am 3. August 1914 erfolgte und der Einmarsch in Belgien am 4. August ohne Kriegserklärung stattfand.

Während den ersten zwei Wochen im August durchquerten deutsche Truppen ununterbrochen unser Land, Tag und Nacht. Wenn Einquartierung erfolgte, passierte eine Vorhut die Dörfer auf der Suche nach Nachtquartieren. Dabei schrieben sie mit Kreide auf die Scheunentore, wieviel Pferde und Mannschaften dort unterkommen sollten, z. B. 6 Pferde, 10 Mann.

 

Um das Millionenheer an die Fronten zu verlegen, war das Eisenbahnnetz von grösster Bedeutung. Da kein Schienennetz unsere Gemeinde durchzog, musste der grösste Teil der Truppen zu Fuss marschieren. Lastautos gab es 1914 recht wenige, der Nachschub musste hauptsächlich mit Pferdefuhrwerken bewältigt werden. Die Fusstruppen mussten täglich  weite Strecken zurücklegen, was nicht ohne Folgen blieb. So meldete die Wiltzer „Ardennerzeitung“ vom 13. August 1914, dass im Wiltzer Hospital über 100 Mann, meistens Fusskranke durch übergrosse Märsche, behandelt würden. Daneben lägen im Pensionat ebenfalls über 50 Mann und viele ähnliche, erschöpfte Militärs seien bei Privatleuten untergebracht um gesund gepflegt zu werden.

Monni Franz erzählte mir, dass bei uns, wie überall im Dorf Einquartierung war. Anstatt das Scheunentor zu öffnen, zwängten die Soldaten ihre Pferde durch den „Hierzel“, eine kleine Öffnung im Tor, um in die Scheune zu gelangen. Hier bedienten sie sich ungeniert der Futtervorräte um ihre Gespanne zu füttern. Die Soldaten, welche ihr Nachtlager im Heu einrichteten, hatten strengstes Rauchverbot wegen Feuergefahr, hielten sich aber nicht daran. Zwei Landser, welche im Wohnhaus untergebracht waren, suchten ins Gespräch mit den Bewohnern zu kommen. Der eine stellte sich als Landwirt vor, während der andere sich als Viehhändler ausgab. Der Viehhändler liess sich auf den Fussboden fallen, er war so erschöpft, dass er kaum aufrecht stehen konnte. Er zog seine Schuhe aus. Als er dann seine „Fusslappen“ abgewickelt hatte, kamen seine Füsse als blutende Masse rohes Fleisch zum Vorschein. Mit schmerzverzerrtem Gesicht begann er zu wimmern und zu jammern. Währenddessen erzählte der Bauer, er habe seinen Betrieb nur ungern verlassen, denn sein Platz zu Hause wäre nötiger als im Militärdienst. Jetzt müssten seine betagten Eltern und seine Frau mit drei kleinen Kindern die ganze Last der Arbeit bewältigen, während er seine Zeit im nutzlosen Krieg vergeude. Da erhob der Viehhändler seine Stimme die noch gerade vorher jammerte, mit der fanatischen Bemerkung: „Ach was, Krieg muss sein!“

Meine Mutter, damals ein Kind von knapp 7 Jahren, stand mit ihrem jüngsten Bruder Hary von 3 Jahren und ihrer Mutter vor dem Hoftor, als ein Mann hoch zu Ross mit einer Lanze bewaffnet, die Dorfstrasse herauf geritten kam. Als der deutsche Reiter in unmittelbarer Nähe war, frug Hary ganz laut und deutlich: „So Mamm, ass dat do e Preiss?“ – Darauf schnarrte der Deutsche im Kasernenjargon: -„Jawohl,! ‚s ist einer!“. Mutter blieb, wie sie später erzählte, fast vor Schreck das Herz stehen.

 

Der Schuster Wilhelm Voigt aus Tilsit in Ostpreussen, der als Hauptmann von Köpenick in die Geschichte einging, verbrachte nach seiner Köpenickiade seinen Lebensabend in Luxemburg. Als in den ersten Augusttagen 1914, mit deutschen Soldaten beladene Züge in den Bahnhof Luxemburg einfuhren, stand Wilhelm Voigt auf der Bonneweger Eisenbahnbrücke und sagte zu den Passanten, indem er auf die unter ihm durchfahrenden Züge zeigte: „So habe ich doch noch einmal deutsches Militär unter mir“.

Während des Ersten Weltkrieges blieb Grossherzogin Marie-Adelheid und ihre Regierung im Amt.Im Sinne der strikten Neutralität ihrer Politik, ergriff sie offiziell für keine der kriegsführenden Mächte Partei. Obschon die kaiserlichen Besatzer versprachen, sich nicht in die internen Angelegenheiten des Grossherzogtums einzumischen, übten sie verschärften Druck auf verschiedene Verwaltungsorgane des Landes aus. Bereits in der ersten Hälfte des Monats August 1914, gab die Postverwaltung bekannt, um eine schnelle und regelmässige Weiterbeförderung der Postsendungen zu ermöglichen, sei soweit wie nur möglich von der Postkarte zur Übermittlung von Nachrichten Gebrauch zu machen. Bei der Verwendung von Briefen bei der Korrespondenz, müsse unbedingt der Umschlag offen gelassen bleiben. Waren diese Vorschriften etwa keine Zensur? Oder könnte man sagen: „Achtung Feind liest mit!“ – Bereits damals NSA – Methoden.

An der belgischen Grenze kam es zu mehreren gefährlichen Zwischenfällen. So hatte die luxemburgische Grenzortschaft Trotten während zwei Wochen deutsche Einquartierung. Am 16. August abends, wurde ein deutscher Soldat auf Patrouille in die Hand geschossen. Daraufhin grosse Aufregung in Trotten. Alle Häuser wurden auf Waffen durchwühlt, welche man beschlagnahmte und nach Heisdorf zum Divisionsstab brachte. Gottseidank stellte sich heraus, dass ein belgischer Einwohner aus Tintigny den Schuss abgefeuert hatte. Ganz Trotten atmete erleichert auf, denn die Konsequenzen dieses Zwischenfalls hätten wahrscheinlich für die Zivilbevölkerung tragisch enden können, man denke nur an das grausame Schicksal so mancher belgischen Ortschaften…..

Am 17. August 1914 las man in der Zeitung, dass am Bahnhof in Bastogne in der Nacht, ein Hotel in Brand gesteckt wurde. In ihm logierten deutsche Offiziere, welche sich aber retten konnten. Das Hotel jedoch verbrannte.

Die Ackerbauverwaltung machte bekannt, man solle alle Räumlichkeiten, in welchen Armeepferde einquartiert waren, gründlich desinfizieren. Empfohlen wurde dafür 1. Chlormilch, 2. Chlorkalk, 3. Dreiprozentiges Kreolin, 4. Karbolsäure. Eine genaue Anleitung würde folgen.

Bereits Ende August 1914, gab es Engpässe in der Versorgung mit Lebensmitteln, besonders in den Städten. Durch Mehlsendungen, hauptsächlich für die Bedürftigen, versuchte die Regierung die Not etwas zu lindern. Die Bäcker wurden angewiesen an das Militär kein Brot mehr zu liefern, denn in den meisten Gemeinden gab es Mangel an Mehl, Salz und Hefe.

Aus Asselborn wurde Anfang September berichtet, dass während der Einquartierung ein sächsischer Soldat, den Hund eines Einwohners gekauft und mit in die Kämpfe in Belgien genommen hatte. Nach etwa 14 Tagen kam das treue Tier wieder nach Hause zurück. Von der langen Reise, mit blutenden Pfoten.

 

Einzelne landwirtschaftliche Betriebe besassen bereits vor 1914 stationäre Verbrennungsmotoren, um Dreschmaschine und Schrotmühle zu betreiben. Die Gemeindeverwaltungen wurden regierungsseits angewiesen, nur Bezugsscheine für Benzin und Petroleum auszustellen, wenn der Brennstoff ausschliesslich zum Ausdreschen von Getreide oder zum Mahlen von Futtergetreide für die Viehbestände benötigt würde. Kleine Handwerksbetriebe mit Verbrennungsmotoren und Lastwagenbesitzer bekamen ebenfalls Genehmigungen zum Erwerb von Benzin. Für private Autobesitzer gab es kein Benzin, es sei denn, dasselbe diente für berufliche Zwecke oder für Geschäftsreisen.

In ruhigen Nächten vernahm man bis in unsere Gegend das Grollen der Kanonen aus südwestlicher Richtung. Es stammte von den schweren Kämpfen um die Festungsstadt Longwy.

Eine Woche nach Kriegsbeginn, zog das Kommando der 5. Deutschen Armee, in das in der Grossstrasse gelegene Schulgebäude von Esch-Alzette ein. Der Oberbefehlshaber dieser Armee war Seine Königliche und Kaiserliche Hoheit, Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preussen.

Tag und Nacht schoss die deutsche Artillerie ohne Unterlass in die arg bedrängte Festungsstadt Longwy. Das Schicksal der brennenden, todgeweihten Stadt erregte in den luxemburgischen Grenzortschaften tiefes Mitleid. Es dauerte bis zum 26. August 1914, ehe die weisse Fahne über dem rauchenden Trümmerhaufen Longwy auftauchte und sich die Besatzung der heissumkämpften Stadt ergab.

Sobald es möglich war, organisierte die Escher Stadtverwaltung eine grossangelegte Hilfsaktion zugunsten der Bevölkerung der zerstörten Nachbarstadt. Voll mit Lebensmitteln beladene Lastwagen fuhren nach Longwy. In öffentlichen Gebäuden von Esch wurden Behelfslazarette eingerichtet, wobei kein Unterschied zwischen deutschen und französischen Verwundeten gemacht wurde. Die Escher Bevölkerung richtete in Longwy eine „Volksküche“ zur Verteilung der „soupe de guerre“ ein.

Nach den Kämpfen um Longwy, wurden einigen Auserwählten militärische Auszeichnungen verliehen. Für sein siegreiches Eingreifen bei Longwy, zeichnete der Kaiser seinen Sohn mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse aus.Von luxemburgischer Seite dagegen hiess es, der deutsche Kronprinz habe sich in Esch die Zeit mit allerlei Allotria vertrieben, während seine Soldaten Longwy sehr teuer erkämpften. Dazu muss man bedenken, dass die Bevölkerung dem prinzlichen Eindringling nicht unbedingt freundlich gesinnt war.

Am 6. September 1914 zog der Kaiser mit seinem Hauptquartier nach Luxemburg in die deutsche Gesandschaft im Eicherberg ein. Während der Kaiser im Gesandschaftsgebäude wohnte, zog der Gesandte von Buch ins « Grand Hôtel Brasseur“ um. Eine der ersten Handlungen des Kaisers in Luxemburgstadt war, dass er sich zu einem Antrittsbesuch bei der Grossherzogin in Schloss Berg einlud. Was blieb der gerade 20-Jährigen Grossherzogin Marie-Adelheid anderes übrig als den Kaiser zu empfangen? Daraus versuchten sowohl die Opposition als auch verschiedene Entente-Mitglieder nach dem Krieg, der Grossherzogin „Deutschfreundlichkeit“ zu unterstellen.

Der schwedische Forschungsreisende Sven Hedin wurde als Journalist von Wilhelm II. in Luxemburg empfangen. Er fand eine unfreundliche Haltung in Luxemburg vor, und hochgestellte deutsche Persönlichkeiten mussten feststellen, dass bei den im Eicherberg kriegsspielenden luxemburgischen Schulbuben, die Partei der Deutschen immer als besiegt galt. (Sven Hedin, 1915, Ein Volk in Waffen, Brockhaus Leipzig).

Am 27. August 1914 wurde das Grosse Deutsche Hauptquartier nach Luxemburg verlegt. Es installierte sich im Primärschulgebäude in der Aldringerstrasse gegenüber der Hauptpost. Die Schlacht an der Marne wurde von hier aus geleitet und von den Deutschen verloren. Auf ihrem Höhepunkt, entsandte der Chef des Generalstabs des Heeres Helmuth von Moltke, den Generalobersten Hentsch am 8. September 1914 an die Front, um die Lage zu erkunden, über sie zu berichten und eventuell für die erste Armee den Rückzug anzuordnen. Hentsch führte diesen Befehl buchstabengetreu aus, er berichtete nach Luxemburg und ordnete dann den Rückzug an.Später zur Verantwortung gezogen, verlangte er eine Untersuchung und wurde freigesprochen. Seltsamerweise gab es für die Befehlsausgabe und deren Ausführung keine schriftlichen Unterlagen. Dem Kaiser soll Moltke am Abend des 9. September gesagt haben: „Majestät, wir haben den Krieg verloren“.

Reichskanzler Theobald von Bethmann – Hollweg, der sich im Grossen Hauptquartier in Luxemburg aufhielt, war dagegen voller Siegeszuversicht. Am selben 9. September verfasste er sein Kriegszielprogramm: Luxemburg, das französische Erzbecken von Briey, ein Grossteil Belgiens mit den Städten Liège, Verviers und eventuell Antwerpen, sollten von Deutschland annektiert werden. In Anbetracht der Lage: Bescheidenheit ist eben eine seltene Zier!

Durch die Seeblockade kam es in Deutschland und den von den Deutschen besetzten Gebieten, zu Engpässen in der Versorgung mit Lebensmitteln und kriegswichtigen Rohstoffen. Zur Ausrüstung der Soldaten und der Armeepferde, wurden Unmengen an Leder benötigt. Vor dem Krieg wurden bereits anstatt der Lohe in den Gerbereien, bessere und billigere Produkte zum Gerben von Leder benutzt, welche aus Übersee bezogen wurden. Es handelt sich hierbei um den Quebrachogerbstoff, der vor dem Krieg aus Amerika geliefert wurde. Durch die verhängte Blockade kam die Benutzung der bereits totgesagten Eichenrinde wieder zu Ehren. Vor dem Krieg kostete ein Bündel Lohe 38 Sous (20 Sous = 1 Franken), im März 1916 hatte Eichenlohe den Preis von 47 Franken pro Bürde erreicht. Das Schleissen der Lohe wurde wieder rentabel und brachte großen Gewinn. Dagegen wurde das Brennholz aus den entrindeten Lohhecken billiger. Leder war in den Kriegsjahren für die Zivilbevölkerung Mangelware und musste, wenn überhaupt erhältlich sehr teuer bezahlt werden. Lederdiebstahl gehörte zum Tagesablauf, ob in den Betrieben, wo die Treibriemen der Maschinen gestohlen wurden, oder in Gerbereien wo größere Posten Leder verschwanden, bis zu den Eisenbahnwagen in denen die Lederriemen zum Öffnen der Fenster einfach abgeschnitten und entwendet wurden. Aus der Gerberei Feider in Liefringen wurde in einer Nacht, Leder im Wert von über 2.000 Mark gestohlen.

In Trier wurde die Bevölkerung auf Plakaten aufgerufen, barfuss zu gehen: 1. Spart Euer Lederschuhwerk für den Winter auf! 2. Geht während des Sommers und des Herbstes barfuss oder auf Sandalen! 3. Scheut Euch nicht, Holzschuhe oder Holzsohlen zu tragen! 4. Tragt bei trockenem Wetter das schlechteste Schuhzeug! 5. Lasst Ledersohlen und Absätze benageln! 6. Tragt zu Haus Hausschuhe!

Am 17. September 1914, stand in der Zeitung, dass in Consdorf das Anwesen des Landwirtes Bultgen, Scheune, Stallungen und Wohnhaus ein Raub der Flammen wurden. Schaden: 12.000 – 15.000 Franken.

Immer wieder wird von Diebstählen aus dem ganzen Land berichtet z. B. am 18. September wurden in Munshausen aus dem Keller eines Wirtes, nachts 90 Liter Branntwein aus einem Fass gestohlen. Am 23. September wurde in Bögen einem Bauern, neben seinem Wohnhaus ein Bienenkorb mit dem Honig entwendet. Schaden: ca. 20 Franken.

In unserer Gegend trieb ebenfalls eine Diebesbande ihr Unwesen. So wurden in einigen Häusern während der Nacht mehrere Räucherkammern von ihren Schinken und anderer Reserven an Räucherwaren ausgeräumt. Von den Dieben keine Spur.

In Haller hatte eine Hausfrau eine geniale Idee. Da ihr treuer Hofhund als Wächter des Hauses sein Leben ausgehaucht hatte, erfand die gute Frau eine einfache Alarmanlage: vor dem Schlafengehen legte sie einen Esslöffel auf die Klinke der Küchentür. Wenn man die Klinke zum Öffnen niederdrückte, fiel der Löffel herunter und erzeugte auf den Fliesen in der Küche ziemlichen Radau.

Als sie eines Nachts durch den fallenden Löffel aufwachte, weckte sie ihren Mann indem sie laut rief: „Néckel, stéi op, de Läffel ass gefall!“ War es ihr Alarmruf oder der fallende Löffel? Jedenfalls machten die Einbrecher sich aus dem Staub und hinterließen in ihrer Eile mehrere Säcke, die inwendig ganz geschwärzt waren vom vorherigen Transport gestohlener Schinken.

Überall werden Kartoffelmieten aufgebrochen um Kartoffeln zu stehlen, natürlich wird vergessen sie wieder fachgerecht zu schließen. Dass in Frostperioden dadurch die Kartoffeln in den Mieten erfrieren, wird nicht bedacht.

Neben den Dieben treiben Wilderer überall ihr Unwesen. Aus allen Gegenden des Landes werden Vorfälle von Wildfrevlern gemeldet. Weit verbreitet ist das Stricksetzen. Aus dem Westen des Landes wird erzählt, ein Förster habe über hundert Fangstricke ausgehoben, in 6 waren Hasen gefangen. Diese wurden zu Gunsten des Armenbüros versteigert. Erlös: 13 Franken.

Aus Holztum weiß die Zeitung zu berichten: „Vier Tage wurde, trotz der Kälte, ein in einer Schlinge gefangener Rehbock bewacht. Da ertönte in einer Entfernung von einigen hundert Metern ein Schuss. Man lief dahin, aber verschwunden war der Schütze, man kehrte zurück, aber leergebrannt war die Stätte und vom Rehbock keine Spur mehr.“

In den Wäldern um Clerf ertappte die Polizei mehrere Wilderer, als sie eben durch einen Schuss einen Hasen erlegt hatten. Die Täter wurden protokolliert, die Flinte beschlagnahmt und die Beute zu Gunsten des Wohltätigkeitsbüros versteigert.

Leuchtpetroleum war kaum aufzutreiben. So verteilte die Gemeindeverwaltung an jeden Haushalt 4 Liter Petroleum zu 7 Sous den Liter. In der Zeitung vom 5.November 1914 fand sich ein sparsames Mittel: in 4 Liter Wasser 1 Liter Soda gießen und nach Erkalten 1 Liter Petroleum zugießen. Die Mischung brennt gut in der Petroleumlampe. Um die Leuchtkraft zu erhöhen, kann man ein Kügelchen Naphthalin, wie man es zur Mottenvertreibung in den Apotheken erhält, hinzufügen.

Erbsen kosten 15 Franken pro Sester (20 Liter). Wirkliche Kriegspreise! Die Preise für Heidekorn (Wëllkar, sarrasin) welches damals häufig angebaut wurde, sind ebenfalls bedeutend gestiegen.

Die Zeitung vom 12. Januar 1915 berichtet aus Donkols: „Der leichte Schnee, der gestern Abend die Fluren bedeckte, wurde einem Bauern verhängnisvoll. Derselbe hatte eine Kuh aus Belgien eingeschmuggelt, was auch gut gegangen war, aber die Spur von Mann und Kuh wurde zum Verräter, denn man konnte sie zum Stall, wo das geschmuggelte Tier stand, verfolgen. Die Kuh wurde konfisziert und das Weitere folgt.“

Junge, ärmlich gekleidete Frauen zirkulieren über Land. Sie geben sich den Anschein, als seien sie kriegsgeschädigte Belgierinnen und gehen von Haus zu Haus betteln. Wenn man durch ihr gebrochenes Französisch an ihrer belgischen Nationalität zweifelt, wird man auf gut Luxemburgisch recht ungezogen beschimpft und angepöbelt.

In der Zeitung vom 4. März 1915 steht, die Echternacher Bäcker sind wegen Mehlmangels in einer misslichen Lage. Die Landwirte weigern sich, das Getreide zu den von der Regierung festgesetzten Höchstpreisen abzugeben, weil sie eine Steigerung der Getreidepreise erhoffen. Andererseits kaufen die Bauern seit einiger Zeit bei den Bäckern Mehl und sogar Brot, um ihre Vorräte schonen zu können.

In einer Grenzstadt hatten die Bäcker ihren Brotvorrat ausverkauft. Es hieß dann Bäcker X habe noch Brot. Fast 100 Arbeiter, Frauen und Kinder eilten zu ihm. X aber hatte ausverkauft, die Leute glaubten er würde sein Brot einbehalten, worauf sie ihm Türen und Fenster einschlugen.

Ab 8. März 1915 gibt es in Esch Brotkarten für die Einheimischen, während am 16. März 1915 in Differdingen eine Bäckerei erstürmt wird. Der Erfindergeist der Deutschen ist bekannt, ebenso wie ihre durch den Krieg hervorgerufenen Mangelwaren und die daraus entstandenen Ersatzprodukte. So erfindet der Berliner Chemiker Dr. Hans Friedenthal wie man aus Stroh Mehl, Brot und Futterkuchen für Menschen und Vieh herstellen kann. Er behauptet in Vorträgen, alle organischen Pflanzenteile wären essbar, wenn die Zellulosehäute zerrissen würden.  Na ja, dann guten Appetit!

Verschiedenen Gemeinden richten Schulsuppenküchen ein.

Aus Furcht vor einer sich bildenden Hungersnot wurden bereits zeitig im März 1915 Frühkartoffeln in den Gärten gepflanzt. Sie sind wegen des starken Frostes gänzlich erfroren. Der Schaden ist hoch, besonders in dieser teuren Zeit.

Die Vorräte an Mehl sind ungenügend, deshalb wird den Bäckern untersagt, Kuchen und jedwede Art von Brötchen zu backen. Durch die Einführung von Rationsbrotkarten wird die Landbevölkerung gebeten ihren Brotbedarf mitzubringen, wenn sie in der Stadt speisen wollen. Die Brotkarten sehen ein Maximum von 200 Gramm Mehl pro Tag und pro Kopf  der Bevölkerung vor. 200 Gramm Mehl ergeben 250 Gramm Brot. Das Brot muss aus Mehl mit einem Zusatz von 10% Hafermehl oder Kartoffelflocken (resp. Kartoffelmehl) oder 20% Tapioka resp. Gerstenmehl gebacken werden. Verwendet man gequetschte oder geriebene Kartoffeln, so muss der Kartoffelgehalt mindestens 30 Gewichtsteile auf 90 Gewichtsteile Mehl betragen. Brot darf erst nach 24 Stunden nach Beendigung des Backens abgegeben werden.

Dieses Kriegsbrot, eine klebrige Masse, die kaum zusammen hielt, wurde trotzdem gegessen.

Die Zeitung vom 10. April 1915 weiß aus Reckingen-Mersch zu berichten: “Oberwachtmeister Huss aus Luxemburg nahm im Beisein des Bürgermeisters mit Soldaten, Gendarmen und Bannhütern in sämtlichen Haushaltungen Kontrolle nach nicht angemeldeten Mehl- und Getreidevorräten vor. Mit heiterer Miene führten die Bauern die Kontrollbeamten bis in die verborgensten Winkel ihrer Häuser und ergötzten sich an dem Durchwühlen der Betten und Schränke, dem Durchstechen der Heuschober mittels Lanzen. Sogar Jauchegruben und Schornsteine wurden untersucht. Umsonst, verstecktes Mehl lag nur in der Phantasie einiger Vielschwätzer, die sicherlich ob diesem Resultat lange Gesichter gemacht haben. Auch wäre es interessant zu wissen, ob hier Denunziation vorliegt …“

Am 21. Mai 1915 wurden in Bollendorferbrück 120 Pfund Butter und 50 Eier beschlagnahmt, die nach Preußen geschmuggelt werden sollten.

Ab dem 17. Juni 1915 übernimmt das deutsche Militär die Bedienung des Telefons. Es darf nur noch hochdeutsch gesprochen werden. Jedes Gespräch auf Luxemburgisch oder Französisch ist untersagt. Von wegen: „Keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten unseres Landes!“

Am 12. Oktober 1915 stirbt unerwartet der liberale Staatsminister Paul Eyschen (1841-1915). Es ist ein Zeitpunkt großer politischer Spannungen. Hinzu kommt der heftige Kampf um die Macht, den die Liberalen gegen die Katholiken führen. Es kommt zu Neuwahlen, die Rechtspartei (Katholiken) erhält 25 von 52 Sitzen, wird trotzdem von der Regierungsbeteiligung ausgeschlossen.

Es gelang keiner der zwischen dem 2. August 1914 und dem 11. November 1918 unter sage und schreibe fünf Staatsministern sich abwechselnden Regierungen, der hart arbeitenden Bevölkerung ihr tägliches Brot zu sichern.

Nach den Brot-, Mehl, Zucker und Butterkarten werden ab 1. September 1916 Fleischkarten eingeführt: 100 Gramm pro Tag und Person.

Die Metzger öffnen morgens gegen 7 Uhr ihre Läden, um sie gegen 9 Uhr morgens wieder zu schließen, da ihre Bestände verkauft sind. Leider kann man andere Lebensmittel ebenfalls nicht in genügender Menge und zu anständigen Preisen auftreiben.

Wegen den zahlreichen Felddiebstählen die überall auf dem Lande stattfinden, wurden die Landbriefträger durch Zirkular seitens der Postverwaltung beauftragt, bei ihren täglichen Gängen über die Felder, die Kartoffelmieten und Feldfrüchte zu überwachen und die festgestellten Diebstähle sofort der nächsten Gendarmerie Station zu melden.

Der Hunger trieb die Einwohner der Minettegegend und die Stadtbewohner scharenweise zu Hamsterfahrten aufs Land. Schwarz- und Tauschhandel florierten. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, schuf die Regierung  die sogenannten „Brigades Mobiles“, die fliegenden Kontroll-Brigaden. Diese entwickelten sich in kurzer Zeit zu der meistgehassten Amtsgewalt des Landes durch ihren übereifrigen Diensteinsatz und ihr rücksichtsloses Benehmen. Auf den Bahnhöfen und in den Eisenbahnabteilen machten sie Jagd auf die Hamsterer, durchwühlten die Körbe und Taschen der Fahrgäste und beschlagnahmten rücksichtlos alles Essbare aus dem Gepäck. Je nach Temperament der Betroffenen flossen bittere Tränen oder ertönte lautes Fluchen. Diese luxemburgischen Brigaden führten sich im Ersten Weltkrieg schlimmer gegen die eigene Bevölkerung auf als die Besatzungssoldaten.

Dr. Michel Welter (1859-1924), Arzt und sozialistischer Politiker, war von 1916 bis 1917 Minister für Ernährung und Landwirtschaft. Er versuchte durch Nahrungsmittelimporte die  Lebensmittelknappheit zu lindern, scheiterte aber daran, da ihm trotz unserer Neutralität keine Exportgenehmigungen bewilligt wurden. Eine seiner Ideen  bestand darin, durch den Import von Ziegen aus der Schweiz den Milch- und Fleischmangel zu beheben. Die Abgeordnetenkammer billigte zwar diese Maßnahme, die aber in Wirklichkeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bedeutete. Michel Welter aber brachte diese verzweifelte Aktion den Spitznamen des „Geessemëchel“ und das Ende seiner politischen Karriere. 1917 reichte er seine Demission aus der Regierung ein.

Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918, beginnt der Rückzug der deutschen Truppen durch Luxemburg. Mit allerlei gestohlenem Hausrat und Lebensmittel beladenen Fuhrwerken, ganzen Herden gestohlenem Vieh, welche übrigens die gefürchtete Maul- und Klauenseuche in unser Land einschleppten, rannten die 1914 so siegessicheren Krieger ihrer geschlagenen und ausgehungerten Heimat entgegen. Wäissens Jemp aus Haller half am 18. November der Familie Neumann aus Kelleschhof bei ihrem Umzug nach Befort. Bei der kleinen Kapelle gegenüber dem neuen Beforter Schloss brach ein Rad an seinem Leiterwagen. Mit aller Gewalt gelang es ihm den verunglückten Wagen mit seinem Gespann in den Sommerweg zu schleppen. Da der Abend nahte, machte er sich mit den Pferden auf den Heimweg. Am nächsten Morgen kam er mit einem Ersatzwagen an den Unglücksort zurück, bauchte aber nichts mehr umzuladen, denn der Wagen samt seiner Ladung lagen total zerstört über die ganze Straße bis in die Nähe der Burgruine verstreut und es war nichts mehr zu gebrauchen. Während der Nacht waren ununterbrochen die Deutschen, denen die Amerikaner dicht auf den Fersen folgten, Hals über Kopf, auf der gesamten Straßenbreite dicht gedrängt, über den am Straßenrand liegenden Wagen hinweg gerannt. Jemp sagte nachher: „Alles war a graus Grimmelen, an engem vun den Neumannsbridder sin d’Tréinen d’Bake rof gelaf.“

In einem Dorf in unserer Nähe hatten sich mehrere Jugendliche vorgenommen, dem letzten „Preiss“, der beim Rückzug das Darf passiere, eine gehörige Abreibung zu verpassen. Es begann bereits zu dunkeln als die Soldaten nur mehr tröpfchenweise, zuerst in kleinen Gruppen, dann häufiger einzeln die Ortschaft durchquerten. Sie hatten ihr Opfer bereits in der Dämmerung ausgemacht, da bemerkte einer der Burschen: „Do hanne kënnt nach ee ganz eleng.“ Dieser Nachzügler war keineswegs pressiert, als er dann näher kam, erkannten die wartenden Helden in ihm den Gendarmerie Kommandanten aus dem Nachbarort. Ob der wohl Gedanken lesen konnte?

Anderntags folgte amerikanische Infanterie in ihrer grünbraunen Uniform. Die Kinder fragten sich zunächst, ob das denn richtige Soldaten seien. Die hatten weder Schnurrbärte, noch trugen sie Stiefel oder Pickelhauben. Ebenfalls fiel auf, dass sie über viele neue Autos und jede Menge Maulesel verfügten. Ihre Planwagen erinnerten an Bilder aus Büchern über den Wilden Westen. Im Schuppen hinter unserem Haus banden die Amerikaner mehrere Maulesel an die hölzernen Pfosten und verschwanden mehrere Tage, ohne sich um die Tiere zu kümmern. Vor Hunger fraßen die Langohre tiefe Einbuchtungen in die Pfosten, bevor sie von den Hausbewohnern gefüttert wurden.

Die Amerikaner waren alle sehr jung und sahen überhaupt nicht militärisch aus. Ihre Kleidung und Verpflegung waren tadellos und ließ keine Mängel durch lange Kriegsjahre erkennen. Sie aßen weißes Brot mit einem etwas faden Geschmack, welcher durch die gesalzene Butter ausgeglichen wurde. Schokolade, Zigaretten, Tabak, Seife, Bohnenkaffee, bei den Deutschen alles Mangelware, hatten sie in Hülle und Fülle. Bereitwillig gaben sie davon an die Bevölkerung ab. Besonders die Kinder wurden von ihnen verwöhnt.

Mit der Ankunft der Amerikaner und dem Kriegsende war die größte Not im Lande vorüber. Neue Hoffnung auf bessere Zeiten war geboren.

Die luxemburgischen Industriearbeiter, deren Löhne durch den Krieg blockiert waren, obschon die Teuerung keine Obergrenze kannte, litten bittere Not. Weite Teile der Bevölkerung berührte diese Situation damals wenig, bis die Arbeiter im Jahre 1917 ihren ersten großen Streik wagten.

Mit dem Kriegsende war die Zeit des Hamstern vorüber, aber die Kluft zwischen Stadt und Land war geblieben. Jahre nach dem Krieg beklagten die Städter noch den Wucher und die Wucherpreise verschiedener Bauern, während die Bauern alle Missstände im Staat auf die Beamten schoben. Unter den Bauernkindern kursierte die Katechismusfrage: „Wozu sind wir auf Erden?“ Antwort: „Wir sind auf Erden, um die Beamten zu ernähren.“

Emile Reuter (1874 – 1973), Abgeordneter der Rechtspartei (heutige CSV), wurde 1918 Staatsminister. Unter seiner Regierung wurde das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen ab 21 Jahren eingeführt. Eine großzügige soziale Gesetzgebung brachte bereits im Dezember 1918 den 8-Stunden-Tag.

Wir sahen bereits, dass Reichskanzler Bethmann Hollweg nach dem Sieg Deutschlands (und dies im September 1914, als sich die deutsche Niederlage in der Schlacht an der Marne abzeichnete) Luxemburg annektieren wollte. Daneben verhandelte bereits am 8. August 1914 der belgische Botschafter in Paris mit dem französischen Präsidenten Raymond Poincaré über die Zukunft Luxemburgs. Belgien versuchte mit allen Mitteln Luxemburg zu annektieren, mit dem Argument der Rückkehr des abgetretenen Teils von 1839 („la partie cédée“). Im Juni 1917 verzichtete Frankreich inoffiziell auf seinen Anspruch zu Gunsten einer Militär-Allianz mit Belgien.

Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 tauchte die Luxemburg-Frage erneut auf. Sowohl Frankreich als auch Belgien weigerten sich die diplomatischen Beziehungen mit Luxemburg unter Großherzogin Marie-Adelheid wieder aufzunehmen. Die oppositionellen Linksparteien Liberale und Sozialisten stellten sich feindselig gegen die Großherzogin. Gewisse liberale Kreise tendierten für Belgien, während bei den Sozialisten sich eher eine republikanische Tendenz zu Frankreich hin abzeichnete. Im Franzosen Maurice Barrès fanden die Sozialisten einen „treuen“ Anhänger, denn der träumte bereits vom Département des Forêts. Die katholische Rechte stellte sich hinter Großherzogin Marie-Adelheid, aus Anhänglichkeit zur Monarchie, in der sie die Garantie der nationalen Unabhängigkeit des Landes sahen.

Die aus Fachleuten bestehende Regierung Reuter versuchte durch ein Referendum die Herrscherin zu retten. Umsonst, denn am 9. Januar 1919 dankte Marie-Adelheid zu Gunsten ihrer Schwester Charlotte ab. Durch diesen Schritt verlagerte sich der Streit um die Dynastie in den Hintergrund. Gegen die belgischen Machenschaften organisierten die Luxemburger am 27. April 1919 eine große patriotische Kundgebung zu Gunsten der Unabhängigkeit Luxemburgs. Die Menge forderte das Recht des Volkes über sich selbst zu bestimmen.

Ende Dezember 1918 kündigte die Regierung auf Druck der Entente die Zugehörigkeit zum Zollverein. Es bestanden zwei Ersatzmöglichkeiten: die Wirtschaftsunion mit Frankreich oder mit Belgien. Die Vorliebe der Luxemburger war für Frankreich, sie lehnten aber vor allem Belgien wegen seiner Annexionspläne ab. Den Ausschlag für Frankreich aber gaben vor allem die zwei Hauptwirtschaftszweige, die Schwerindustrie und die Landwirtschaft.

Am 28. September 1919 ergaben die beiden Referendums das erwartete Resultat: 1. Über die Staatsform: 77,8 % der Stimmen entfallen auf Großherzogin Charlotte und 19,7% für die Republik. Damit ist die Debatte gegen die Dynastie vom Tisch. Die Herrscher Luxemburgs sind in Zukunft vom Volk gewählt und fester Bestandteil unserer Staatsform; 2. Über die Wirtschaftsform: 73% sind für die Wirtschaftsunion mit Frankreich, 27% für Belgien. Das Resultat ist klar, aber seine Folgen nicht. Frankreich ignoriert das eindeutige Resultat und verhandelt mit Belgien den Preis für seinen Verzicht. Nachdem die Franzosen das gewünschte Resultat, den Militärvertrag mit Belgien, erreicht haben, teilen sie im Mai 1920 der luxemburgischen Regierung ihren Verzicht auf eine Wirtschaftsunion mit.

Was blieb den verschaukelten Luxemburgern anderes übrig: im Juni 1921 unterzeichneten sie mit Belgien den Wirtschaftsvertrag (Union économique belgo-luxembourgeoise UEBL). Niemand konnte damals ahnen, dass die Wirtschaftsunion mit Belgien ein Segen für unser Land werden sollte.

Vorstehender Artikel sollte, wie in der Überschrift beschrieben, hauptsächlich über die Sorgen und Nöte der während des Krieges darbenden Bevölkerung handeln, während die politische Situation an anderer Stelle behandelt würde. Der Autor entschuldigt sich beim Leser über seine eventuell etwas langatmigen Exkurse in die politischen Zusammenhänge, während und nach den Kriegswirren. Leider waren diese Ausführungen nicht zu vermeiden.

Über das mir selbst gestellte Thema standen eigentlich nur wenige zuverlässige, schriftliche Quellen zur Verfügung. Zeitzeugen, die noch leben, gibt es nach hundert Jahren keine. Trotzdem hoffe ich mit diesem Bericht dazu beizutragen, die Ereignisse während und nach dem Ersten Weltkrieg wahrheitsgemäß zu erklären.

 

Marcel Ewers

 

Bibliographie:

  • Geschichtsfrënn Beetebuerg, 2014, Beetebuerg am Laf vun der Zäit, Band 3
  • Melchers E.T., 1979, Kriegsschauplatz Luxemburg, August 1914, Mai 1940, St-Paul Luxembourg
  • Molitor Ed., 1981, Im Banne der Grenzlandgeschiche, Band 1, St-Paul
  • Tousch P., 2009, Aus dem Ersten Weltkrieg, nos cahiers 1 / 2, Kanton Woltz, St-Paul
  • Trausch G., 2003, Histoire du Luxembourg, Editions Privat, Toulouse