Wie der erste Weltkrieg Luxemburg überraschte – Paralysie eines Landes

Vorbemerkungen

Um die Ereignisse der ersten Kriegstage in Luxemburg zu schildern, bedarf es einiger einleitender Erklärungen, die die Ereignisse der ersten Kriegstage in unserem Land in ihren Gesamtkontext setzen.

Wenn die Menschen in Frankreich und England vom « Großen Krieg » sprechen, dann meinen  sie den Ersten Weltkrieg. Dieser Krieg läutete in vielfacher Hinsicht einen Epochenbruch ein. Politisch, militärisch und kulturell war nachher nichts mehr so wie vorher. Der Erste Weltkrieg geht als « Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts » in die Geschichte ein. Der immense Fortschritt der Technik und die brummende Industrialisierung hatten das Leben der Menschen grundlegend verändert. Der Krieg aber war ein Katalysator, der die neue Zeit einleitete. Durch das ungeheure Leid, durch die ermüdenden und zermürbenden Stellungsschlachten im Westen verloren die Menschen das Vertrauen in das alte politische System. Der Erste Weltkrieg läutete den Untergang des mitteleuropäischen Imperialismus in seinem Expansionsdrang ebenso ein, wie den Aufstieg des Kommunismus und Faschismus in Europa.

Auch die Art der Kriegsführung hatte sich verändert. Wenn tausende junger Menschen anfangs noch mit Begeisterung und singend in den Krieg aufbrachen, in der Annahme, dass es sich um eine kurze aber notwendige „Veranstaltung“ handeln würde, so wurden sie schnell eines Besseren belehrt. Der Erste Weltkrieg war der erste industriell geführte Massenvernichtungskrieg. Materialschlachten ungeahnten Ausmaßes waren die Folge, wahre « Blutmühlen », etwa vor Verdun und an der Somme. Vor den Grenzen Luxemburgs fing die Hölle an! Dazu kam, dass mit dem Einsatz von Giftgas der Krieg eine neue Dimension annahm.

Auch die Kunst änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg radikal. Kirche, Vaterland und Heimat zu besingen, von dem Wahren, Echten und Schönen zu schwärmen, das ging nach dem Inferno nicht mehr. Die Welt hatte sich nach den Erfahrungen der Ersten Weltkrieges grundlegend geändert. Am Ende dieses Menschenwahnsinns standen 10 Millionen tote Soldaten, 17 Millionen Tote insgesamt und 20 Millionen Verwundete. Die Nachfolgen dieses „totalen Krieges“ sollten, wie wir heute wissen, zu einer noch viel größeren Katastrophe  führen, dem Zweiten Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg nahm vieles von dem vorweg, was den noch blutigeren Zweiten Weltkrieg kennzeichnete.

Das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914, bei dem der serbische Student Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschoss, war der unmittelbare Auslöser des ersten Weltkriegs . Es war sozusagen die Lunte, die das politische und militärische Pulverfass Europa zum explodieren brachte.

1914 war Europa geostrategisch in zwei Lager, zwei Bündnisse, aufgeteilt, die Mittelmächte einerseits bestehend hauptsächlich aus Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich (später sollten sich andere Staaten diesem Bündnis noch anschließen) und andererseits den Entente-Staaten zu denen hauptsächlich Frankreich, England und (bis 1917) Russland zählten.

Das Attentat von Sarajevo führte in der sogenannten „Julikrise“ 1914 dazu, dass sich Kriegsbefürworter und Kriegsgegner einen leidenschaftlichen Kampf um Krieg und Frieden führten. Alle diplomatischen Bemühungen einen sich heraufbeschwörenden Krieg doch noch zu vermeiden scheiterten. Letztendlich hatten sich die „Kriegsfalken“ durchgesetzt. Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 30. Juli beginnt in Russland die Mobilmachung. Am 1. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg, Frankreich macht mobil. Am 3. August erklärt Deutschland Frankreich den Krieg. Am 4. August 1914 tritt Großbritannien als Schutzmacht Belgiens in den Krieg ein, nachdem deutsche Truppen das neutrale Belgien besetzt hatten. Fast schon hellseherisch hatte der britische Außenminister Edward Grey Anfang 1914 prophezeit: „In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen“. Seine schlimmsten Befürchtungen sollten übertroffen werden!

 

Welche Rolle sollte das neutrale Luxemburg bei den ersten Kriegsschritten Deutschlands spielen?

Welche Rolle spielte Luxemburg in den kriegerischen Plänen des deutschen Kaiserreichs Wilhelms II.? Nachdem Deutschland Russland den Krieg erklärt hatte, ging der deutsche Generalstab davon aus, dass es einige Zeit dauern würde, bis Russland mobilgemacht hat. Währenddessen sollte Frankreich in einem schnellen Feldzug besiegt werden. Anschließend sollten die freigewordenen Truppen an die Ostfront verlegt werden. So sah es der sogenannte Schlieffen-Plan vor.

Luxemburg sollte bei diesem Plan nur als Durchgangsstation fungieren. Der Schlieffen-Plan, benannt nach dem preußischen Offizier Alfred Graf von Schlieffen nahm dabei rücksichtlos die Missachtung der Neutralität von Belgien in Luxemburg in Kauf. Luxemburg war durch den Londoner Vertrag 1967 die Neutralität zuerkannt worden, welche durch die europäischen Großmächte geschützt werden sollte (auch von Deutschland). Luxemburg wurde komplett demilitarisiert (Schleifung der Festung Luxemburg, Verbot eine eigene Armee aufzubauen). Später werde ich in meinen Ausführungen zeigen, dass Deutschland die Besetzung Luxemburgs nicht als kriegerischen Akt darstellte und somit Nichts von einer Missachtung der luxemburgischen Neutralität wissen wollte. Die Invasion diene lediglich nur zur Sicherung deutscher Interessen auf luxemburgischen Gebiet gegen die Gefahr, die aus Frankreich herrühren würde. Diese Darstellung spottet jeder Vernunft!

Luxemburg war aufgrund seiner geostrategischen Position und seines ausgedehnten Schienennetzes in Richtung Belgien, Deutschland und Frankreich sehr wichtig für die Verlegung von Truppen und Kriegsmaterialien. Darüber hinaus konnte über das Schienennetz eine schnelle Versorgung der Truppen abgesichert werden. Luxemburg war wirtschaftlich seit 1971 dem deutschen Zollverein beigetreten und hatte dadurch sehr enge wirtschaftliche Verbindungen zum Kaiserreich. Einfach formuliert, interessierte die Deutschen der luxemburgische Stahlstandort und das hervorragende Schienennetz. Schon Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Luxemburgs Schienenwege erweitert und verbessert. Dass zu diesem Zeitpunkt sich Niemand in Luxemburg Fragen stellte, warum das Schienennetz und die Bahnhöfe so ausgebaut wurden, damit ohne Weiteres große Truppenverbände und Ihr Kriegsmaterial transportiert werden konnte, kann man aus damaliger Sicht verstehen. Luxemburg fühlte sich absolut sicher durch die ihm von den Großmächten 1867 zugesicherte Neutralität. Weshalb sollte hinter den Ausbauten der Transportwege ein anderer Gedanke stecken, als der rein wirtschaftliche? Was sollte schon passieren? Aus heutiger Sicht, erscheint es relativ naiv, dass die luxemburgische Regierung sich nicht zumindest einige Fragen in diese Richtung stellte.

 

Wie der Erste Weltkrieg Ulflingen erreichte – Die 1. Invasion am 1. August 1914

Dass die deutsche Kriegsmaschinerie im August 1914 so schnell nach Luxemburg zieht, liegt wohl an dem Streit Kaiser Wilhelms II. mit seinem Generalstabschef Helmuth von Moltke. Letzterer fackelt nicht lange und zieht mit seinen Soldaten los, während der Kaiser noch zögert. « Macht doch, was ihr wollt! » wird Wilhelm II. zitiert. Und so überrollen die Deutschen das Großherzogtum bereits am Samstag,  den 1. August 2014.

Am Bahnhof von Ulflingen (Troisvierges, Elwen) beginnt der Erste Weltkrieg in Luxemburg.

In Ulflingen lag zu der Zeit ein wichtiger Umschlagbahnhof für Waren aller Art. Luxemburg bezog einen Großteil seiner Konsumgüter aus dem Hafen von Anvers in Belgien. An diesem Bahnhof berührten sich die belgischen und die deutschen Eisenbahnlinien. Die strategische Bedeutung dieses Bahnhofs muss nicht länger erklärt werden.

Der Bahnhof wurde von drei „Gendarmen“ bewacht, den Herren François Mambourg, Michel Duhr und Michel Rausch.

Gegen 19.00 Uhr besetzt eine Kompanie des Infanterieregiments Nr. 69 der 16. Division mit Hauptquartier in Trier, unter dem Kommando eines Leutnants Feldmann, den Bahnhof von Ulflingen und beginnt auf einer Länge von ungefähr 150 m die Gleise aufzureißen. Es ist die erste deutsche Grenzverletzung im noch nicht erklärten Krieg. Verwirrung kommt kurz unter den deutschen Soldaten auf, als im benachbarten Ort Clerf (Clervaux) zu einem Großen Musikfest der Union Grand-Duc Adolphe (UGDA) Böller verschossen wurden – die Soldaten befürchten, auf vorrückende französische Truppen zu stoßen. Doch Fehlanzeige, wie ich später ausführen werde. Ein deutscher Offizier soll daraufhin aus Ulflingen nach Clerf telefoniert haben, mit der Aufforderung sofort den Beschuss auf die deutsch-kaiserliche Armee sofort einzustellen. In Clerf wurde diese Mitteilung nicht ernst genommen, sondern erzeugte eher Belustigung und Gelächter bei den Anwesenden.

In Ulflingen fuhr Gendarm Duhr zum Bahnhof  und adressierte sich an einen deutschen Offizier. Ob er denn wisse, dass sie (die deutschen Soldaten) sich auf dem neutralen Territorium Luxemburgs befinden würden? „Das wissen wir zur Genüge“ habe der Offizier geantwortet. Duhr ließ nicht nach und wollte wissen, warum die Soldaten Schienen und Telegrafenmaterial zerstören würden. „Wir sind schon in der Hauptstadt  und wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, erschieße ich Sie“.

Julius Thiry, der neununddreißig jährige Ulflinger Bahnhofsvorsteher, sollte später erzählen, dass auch er einen Soldaten gefragt habe, ob dieser wisse, dass er sich auf neutralem luxemburgischem Staatsgebiet befinde. Dieser habe darauf geantwortet, dass dies ihn einen Dreck interessieren würde. Sie (die Soldaten) hätten direkte Befehle aus Berlin[2]. Daraufhin, habe der Soldat dem Bahnhofsvorsteher Thiry befohlen den Telegrafen zu zerstören. Bei dessen Zögern habe der Soldat Thiry mit Erschiessung gedroht. Daraufhin habe Thiry den Telegrafen „auf den Boden geschmissen“.

Die Berichte der anwesenden Personen vom Ulflinger Bahnhof liefern eine Reihe interessanter Informationen. Allerdings klingen sie doch zum Teil etwas „skurril“ und werfen mehrere Fragen auf aus heutiger Sicht.

Gendarm Mambourg hat im Laufe des Abends telefonischen Kontakt mit Armeekommandant Major-Kommandant Emile van Dyck und informiert seinen obersten Vorgesetzten über die Ereignisse am Ulflinger Bahnhof. Alarmiert informierte van Dyck Staatsminister Paul Eyschen in Luxemburg über die Ereignisse.

Auf den folgenden Seiten befindet sich die Notiz, die Major-Kommandant van Dyck an Staatsminister Eyschen gesendet hat.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Luxemburg seit seiner Neutralitätserklärung von 1867 nicht über eine eigene Armee im wortwörtlichen Sinn verfügte, sondern vielmehr um eine Freiwilligen Kompanie (Compagnie de Volontaires) bestehend aus 180 Mann mit Gewehren. Darüber hinaus gab es 180 Gendarmen, welche die Freiwilligen-Truppe befehligte. 360 Mann sorgten also im neutralen Luxemburg für Ruhe und Ordnung. Dass 360 Mann dem preußisch-kaiserlichen Heer sowieso Nichts entgegen setzen konnten ist klar. Einzig die Neutralität des Landes sollte Schutz bieten gegen eine militärische Invasion. Es ist den wenigen luxemburgischen „Soldaten“ zudem laut Londoner Vertrag strengstens untersagt beim Einmarsch der deutschen Truppen einzugreifen, da Luxemburg als neutrales Land nicht das Recht auf Selbstverteidigung hatte.

Der Bürgermeister aus Clerf, Emil Prüm, informiert über die Ereignisse in Ulflingen, hat seinerseits ein Telegramm an Staatsminister Eyschen verfasst um diesen über die Invasion zu informieren.

Staatsminister Paul Eyschen (Staatsminister vom 22. September 1888 bis zu seinem Tode am 12. Oktober 1915) hat seinerseits ein Protestschreiben an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin Gottlieb von Jagow geschrieben über den Vorfall in Ulflingen:

„Preußische Offiziere und Soldaten haben heute den luxemburgischen Bahnhof Ulflingen besetzt und oberhalb desselben auf unserm Boden die Bahnhofsschienen aufgerissen. Sie sollen dem Regiment Trier 69 angehören. Ich kann nur annehmen, dass hier ein Versehen vorliegt und erwarte Entschuldigung, muss aber umso mehr meine dem Auswärtigen Amt durch den hiesigen deutschen Gesandten übermittelte Bitte wiederholen, die Reichsregierung möge, ebenso wie im Jahre 1870, erklären, die Neutralität Luxemburgs zu achten, solange dieselbe nicht von einer anderen Macht verletzt wird“.

Die Einschätzung von Staatsminister Eyschen ist erstaunlich. Einen militärischen Sabotageakt auf luxemburgischem Territorium bezeichnet er als „Versehen“, als handelte es sich lediglich um einen Ausflug betrunkener Soldaten aus Trier, die in ihrem Überschwung sich in Ulflingen ausgetobt hätten. Aus heutiger Sicht kann man die Ereignisse in Ulflingen durchaus nicht als Lappalie sondern als eine militärische Aggression betrachten. Die Soldaten haben den Bahnhof überfallen, haben Zerstörungen vorgenommen und dem diensttuenden Luxemburgischen Gendarmen und dem Bahnhofsvorsteher Gewalt angedroht beim Nichtbefolgen von Befehlen.

Aus dieser Reaktion heraus und auch aus den Schreiben der Regierung in den nächsten Tagen, wird ersichtlich, dass Luxemburg die Ereignisse nie richtig einschätzen konnte. Man war so überzeugt vom Schutze der Neutralität, dass man schlichtweg nicht glauben konnte (wollte), was passierte. Die luxemburgische Regierung reagierte schlichtweg wie paralysiert auf die Ereignisse der ersten Augusttage 1914.

Am Abend des 1. August 1914 hatten die deutschen Truppen sich aus Ulflingen zurückgezogen. Am anderen Tag, ab 3 Uhr Nachts, jedoch zog eine ganze Heerestruppe kaiserlicher Soldaten ins Landesinnere ein und die zweite Invasion am 2. August 1914 sollte innerhalb eines Tages vollzogen werden.

 

Die 2. Invasion Luxemburgs – das  ganze Land wird besetzt und kann es nicht glauben.

Im Mémorial (offizielles Amtsblatt Luxemburgs), No 51 vom 2. August 1914, veröffentlicht die Regierung eine Proklamation zu den Ereignissen des Vortages und zu den Geschehnissen, welche sich im Laufe des 2. August in Luxemburg ereigneten:

Bereits gestern Abend war der Bahnhof Ulflingen von preußischem Militär vorübergehend besetzt und ein Teil des Bahngleises auf diesseitigem Geleise aufgerissen worden.

Herr Staatsminister (Eyschen)  legte sofort telegraphisch bei dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin (Gottlieb von Jagow) Verwahrung ein.

Heute Morgen früh hat die Großherzogliche Regierung in Erfahrung gebracht, deutsche Offiziere und Soldaten seien in Autos und auf Fahrrädern über Wasserbillig in das Land eingedrungen.

In diesem Augenblicke werden Truppenzüge mit gepanzerten Eisenbahnwagen über die deutsche Eisenbahnstrecke in der Richtung Luxemburg gefahren. Herr Staatsminister Eyschen hat sofort den Deutschen Gesandten  von Buch folgenden Protest überreichen lassen: „Euer hochwohlgeboren habe ich telefonisch von dem Erscheinen deutscher Offiziere und Mannschaften auf Großherzoglichem Gebiete in Kenntnis gesetzt. Ich erfahre, dass ein Eisenbahnzug mit Besatzung nach Luxemburg unterwegs und eine große Anzahl von Automobilen via Wasserbillig nach Luxemburg durchgefahren sei. Gegen diese flagrante Verletzung der Neutralität des Landes legt die Großherzogliche Regierung energisch Protest ein, sich alles weitere vorbehaltend. Ich bitte Sie, sofort der Reichsregierung diesen Protest zu übermitteln.“ Gezeichnet: Eyschen

„Ein ähnlicher Protest wird auf dem Bahnhof Luxemburg dem Führer des deutschen Truppentransportes überreicht werden.

Wir bitten die Bevölkerung volle Ruhe zu bewahren, sich jeder feindseligen Handlung zu enthalten und durch eine herausfordernde Haltung dem Lande nicht noch größere Schwierigkeiten zu bereiten. Eine weitere Invasion deutscher Truppen scheint bevorzustehen.“ Luxemburg, den 2. August 1914 Die Mitglieder der Regierung, Eyschen, Mongenast, De Waha.

Aus dieser Proklamation geht hervor, dass die Regierung Eyschen sich bewusst wurde, dass die Ereignisse in Ulflingen kein Versehen, sondern lediglich der erste Akt einer weiteren Invasion sein sollte. Da die Proklamation von „eine weitere Invasion“ spricht, kann man die Behauptung aufstellen, dass zwei Invasionen im ersten Weltkrieg in Luxemburg stattgefunden haben, am ersten und am zweiten August 1914.

Die Regierung Eyschen wollte jedoch immer noch nicht wahrhaben, dass der deutsche Einmarsch ein absichtlicher kriegersicher Akt gewesen ist. Aus dem Wortlaut der außerordentlichen Sitzung des luxemburgischen Parlaments vom Montag, den 3. August 1914 geht hervor:

„(Eyschen) Je ne pouvais pas admettre qu’un acte offensif vis-à-vis du Luxembourg eût été décrété par l’Allemagne, alors que nous vivons en pleine paix, et que de la part du Luxembourg aucun acte n’avait été posé pouvant justifier ces procédés. Son Altesse Royale la Grand-Duchesse s’est jointe à nous et a télégraphié directement à l’empereur d’Allemagne pour le prier de sauvegarder les intérêts du pays et aussi pour que le Gouvernement impérial hâtât les explications que nous lui avons demandées“.

Die Erklärung für die deutsche Invasion Luxemburgs sollte durch Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg erfolgen:

„Unsere militärischen Maßnahmen in Luxemburg bedeuten keine feindselige Handlung gegen Luxemburg, sondern lediglich Maßnahmen zur Sicherung der in unserm Betrieb befindlichen dortigen Eisenbahnen gegen Überfall der Franzosen. Luxemburg erhält für eventuellen Schaden volle Entschädigung. Bitte dortige Regierung benachrichtigen.“

Ein weiteres Telegramm Buch an Eyschen ist expliziter. „Die militärischen Maßnahmen sind zu unserm größten Bedauern dadurch unvermeidlich geworden, dass wir zuverlässige Nachrichten haben, wonach französische Streitkräfte im Vormarsch auf Luxemburg sind. Wir mussten die Maßnahmen zum Schutz unserer Armee und  zur Sicherung der Eisenbahnen treffen. Ein feindlicher Akt gegen das befreundete Luxemburg ist von uns in keiner Weise beabsichtigt. Zur vorherigen Verständigung mit der luxemburgischen Regierung war bei der drohenden  Gefahr leider keine Zeit mehr. Die Kaiserliche Regierung sichert Luxemburg vollen Schadensersatz für von uns verursachte Schäden zu“. Gezeichnet: von Jagow.

Eyschen kommentiert jene Informationen im Parlament folgendermaßen: „Dès que nous étions en possession de ces télégrammes, nous avons pu déclarer que l’armée allemande, qui se trouvait chez nous, ne peut pas considérer le pays comme un pays occupé par un fait de guerre. Il y a là une question de fait des plus importantes. Le droit des gens accorde certains droits et impose certains devoirs à une armée occupant le territoire ennemi. Il donne au belligérant des droits vis-à-vis de ce pays et de ses populations. Ces principes fixent aussi les droits et devoirs des pays occupés par suite de faits de guerre. Mais notre situation actuelle présente un caractère spécial. Il y a une occupation de fait, certainement, mais les droits des luxembourgeois jusqu’à présent n’ont pas subi de modification ni d’altération en droit. C’est un fait excessivement important et je tiens à le souligner“.

Der kommandierende General des preußischen VIII. Armeekorps, Tülff von Tschepe und Weidenbach schreibt in einer Proklamation Folgendes:

„(…) Die Besetzung Luxemburgs erfolgt indessen lediglich um freie Bahn für weiteres Handeln zu gewinnen und unter der ausdrücklichen Zusicherung: 1. dass sie eine vorrübergehende sein soll, 2. dass persönliche Freiheit und Besitz aller Luxemburger voll gesichert und geachtet bleiben werden, 3. dass die deutschen Truppen eiserne Disziplin zu halten gewöhnt sind, 4. dass alle Leistungen bar entschädigt werden.

Ich vertraue auf den Gerechtigkeitssinn des luxemburgischen Volkes, dass es sich der Einsicht nicht verschließen wird, dass Seine Majestät (Kaiser Wilhelm II.) nur dem unvermeidlichen Zwange folgend und veranlasst durch die Nichtachtung der Neutralität seitens Frankreichs den Einmarsch der Truppen in Luxemburg befohlen haben und erwarte unter nochmaliger Betonung der oben gegebenen Garantien, dass das luxemburgische Volk und seine Regierung durch ihre Haltung die den deutschen Truppen gestellte Aufgabe nicht erschweren werden.“

 

Die hier oben aufgeführten Telegramme, Proklamationen und Ausführungen diesbezüglich von Eyschen in der „Chambre des Députés“ zeichnen ein total verklärendes Bild. Die Invasion sei also kein feindlicher, kriegerischer Akt, sondern sei notwendig geworden, da französische Truppen die Neutralität Luxemburg verletzt hätten. Alle Rechte der Luxemburger würden gewahrt und Schaden werde bezahlt. Frei nach dem Motto: es ist Nichts passiert, lassen Sie sich nicht stören, wir verweilen nur kurz in Ihrem Land. Es fällt einem schwer zu glauben, welch große Naivität die luxemburgische Regierung befallen hatte in Bezug auf den Statut der Neutralität Luxemburgs. Grundsätzlich wusste die Regierung Eyschen nicht richtig, wie sie auf die überrumpelnden Ereignisse reagieren sollte. Die Regierung war schlichtweg von der Situation jener Tage überfordert.

 

Wichtig ist zu erwähnen, dass Staatsminister Eyschen alle Telegramme an die kaiserliche Regierung auch an alle anderen Schutzmächte der luxemburgischen Neutralität sandte. Größere Protestaktionen blieben auch hier aus, was genauso erstaunlich ist. Auch unternahm keine Schutzmacht irgendwelche Schritte, damit die Neutralität unseres Landes gewahrt werden bliebe. Erst, nachdem Deutschland Belgien überrannt hatte am 4. August, ebenfalls ein neutraler Staat, sah sich Großbritannien gezwungen, als Schutzmacht Belgiens ,Deutschland den Krieg zu erklären. Der deutsche Kanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, versuchte daraufhin den britischen Botschafter in Berlin zu überzeugen, dass die Neutralität Belgiens doch nur ein Fetzen Papier sei, und er beschwört ihn: „Und dafür wollen Sie Krieg führen, wegen eines Wortes?“ Offensichtlich war Luxemburg den Großmächten nicht wichtig genug, um seinetwegen Deutschland direkt am 2. August schon den Krieg zu erklären.

 

4 Jahre Besetzung Luxemburgs durch deutsche Truppen

Im besetzen Luxemburg sieht die Regierung keinen anderen Ausweg als mit Deutschland einen Weg zu finden, wie das Land geführt werden soll und wie das zivile Leben organisiert werden sollte. Der Okkupant bekümmerte sich um das Militär und die Polizei, die Kontrolle der Brücken, Straßen und Eisenbahnen und um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Ruhe, sowie der Verhaftungen von Spionageverdächtigen. Die Regierung ihrerseits verpflichtete sich das Land nach streng neutralen Prinzipien zu führen, sowie die Beziehungen zu Deutschland zu pflegen. Diese Kohabitation zwischen Luxemburg und dem Okkupanten brachte das Land über die Jahre hinweg in eine verzwickte Situation, da auch die Mächte der Entente immer mehr zur Überzeugung gelangten, dass Luxemburg auf Seiten der Deutschen stehen würde.

Am 12. Oktober 1915 stirbt Staatsminister Eyschen und Mathias Mongenast  wird neuer Premier (vom 1. April 1916 bis zum 19. Juni 1917). Nach dem Tod von Eyschen schlitterte Luxemburg in politisch sehr turbulente Phasen. Bis zum Kriegsende 1918 sollten 8 Regierungen aufeinander folgen. Die Bevölkerung lehnte sich immer mehr gegen die deutsche Besetzung des Landes auf. Sie litt unter Hungersnot und, wie im anderen Europa, war die Bevölkerung des Krieges leid und forderte immer mehr eine neue Gesellschaftsordnung ein. Laut Historiker Denis Scuto ist der erste Weltkrieg von zentraler Bedeutung für die Institutionen des Landes. Die Vorläufer der großen Arbeitergewerkschaften sind 1916 entstanden. Auch die politische Landschaft Luxemburgs des 20. Jahrhundert  entstand damals.

Nach dem Tode von Staatsminister Eyschen haben Legislative und Exekutive total versagt. Die Großherzogin Marie-Adelheid, war gerademal 22 Jahre jung und total unerfahren auf der großen Weltbühne der Geschichte. National pochte sie zu sehr auf ihre königlichen Vorrechte als Großherzogin, während verschiedene politische Gruppierungen sich, rein bildlich, bis aufs Blut bekämpften. Wie sollte unter diesen Umständen eine Regierung von Bestand sein?

Es ist also nicht verwunderlich, dass nach dem Krieg auch der Ruf nach der Bildung einer Republik Luxemburg wach wurde. Die Geschichte Luxemburgs sollte jedoch anders geschrieben werden und die Monarchie bestand haben bis zum heutigen Tage. Im Zweiten Weltkrieg sollte darüber hinaus Großherzogin Charlotte Sinnbild werden für die nationale Einheit des Landes und ein Symbol des kleinen Luxemburg gegen die Schreckensherrschaft der Nazis in Luxemburg.

Auf Seiten der Bevölkerung sei erwähnt, dass viele junge Luxemburger (um die 3000) sich freiwillig zur französischen Fremdenlegion meldeten und viele kamen in den Schützengräben der Somme um. Auch ein junger aus Waldbillig stammender Bursche kam allzu jung ums Leben. Ihm soll nach hundert Jahren unser Gedenken gehören! Es handelt sich hierbei um Jean-Pierre Schmartz, welcher am 23. August 1876 in Waldbillig geboren wurde und im Alter von 38 Jahren am 9. Mai 1915 bei Arras (Pas-de–Calais) gefallen ist.

 

Die Rolle der Großherzogin Marie-Adelheid während des Ersten Weltkrieges

Sowohl Staatsminister Eyschen, wie auch Großherzogin Marie-Adelheid wussten, dass offener Widerstand gegen die deutsche Invasion 1. durch den Neutralitätsvertrag von 1867 untersagt war und 2. sowieso keinen Sinn hatte, bei gerade einmal 360 Mann Freiwilligenkompanie und Gendarmerie.

Gegenwehr war für die Luxemburger also zwecklos. Wenn die junge Großherzogin sich in der Folge dennoch den Groll ihrer Untertanen und für die Zukunft den Argwohn der der Mächte der Entente zuzog, dann vor allem deshalb, weil sie den deutschen Kaiser samt Reichskanzler von Bethmann-Hollweg und Großadmiral Alfred von Tirpitz am 6. September zur Audienz inklusive gemeinsamem Abendessen empfing.

Wilhelm hatte darauf gedrängt und Marie-Adelheid hatte kaum eine Wahl.

Dennoch war es ein Kardinalfehler der jungen Frau, da sind sich die Chronisten rückblickend einig. Es war aus Sicht vieler ihrer Landeskinder nicht ihr erster.

Im Unterschied zu ihrem Großvater Adolph und ihrem schon im Alter von 60 Jahren verstorbenen Vater Wilhelm versuchte Marie-Adelheid, kaum dass sie Ende 1912 den Thron bestiegen hatte, aktiv in die Politik ihres Landes einzugreifen.

Das wiederum rief die Gegner der Monarchie auf den Plan, deren Druck während des Krieges – auch befeuert durch Hungersnöte – immer weiter stieg.

Um das Großherzogtum zu retten, zog Marie-Adelheid am 9. Januar 1919 die persönliche Konsequenz und dankte zugunsten ihrer jüngeren Schwester Charlotte ab.

Von Hause aus sehr katholisch führte der Weg Marie-Adelheids zunächst in ein italienisches Kloster und hier in die Pflege von Alten und Kranken. Eine schwere Krankheit beendete diesen Einsatz rasch. Die junge, nach Aussage einiger Chronisten seelisch wie körperlich labile Frau musste sich in das Schloss ihrer Familie nach Hohenburg zurückziehen, wo sie am 24. Januar 1924 mit gerade einmal 29 Jahren starb.

Rückblickend kann mit Recht behauptet werden, dass Marie-Adelheid ein Opfer der Geschichte war.

Auf den darauffolgenden Seiten geht Marcel Ewers detaillierter und sehr interessant auf die Sorgen und Nöte der luxemburgischen Zivilbevölkerung im  Ersten Weltkrieg ein.

Mit beiden Artikeln über den Ersten Weltkrieg wollen wir einen kleinen aber bescheidenen Beitrag leisten zur Erinnerung an diese wichtige Zeit für Europa und für Luxemburg und zum Gedenken an die Millionen Opfer dieses ersten großen Krieges. Mögen die Schrecken des Krieges Luxemburg für immer verschonen! Bezugnehmend auf die politische Aktualität in Europa (Ukraine) und im Nahen Osten hoffen wir, dass die Staatenlenker der Einsicht erliegen, dass nur politische und diplomatische Lösungen Konflikte beilegen sollen. Die Geschichte des Ersten Weltkriegs zeugt davon, was passiert, wenn blinde kriegerische Wut militärisch entfesselt wird.

 

(L.S.)

 

Bibliographie:

 

  • L’invasion du Luxembourg, David Heal, 2008, Ysec Editions;
  • GEO-Epoche, das Magazin für Geschichte, 1914 – Schicksalsjahr des 20. Jahrhunderts, No 65, 2014;
  • Gilbert Trausch, L’histoire du Luxembourg, 1992, Hatier;
  • Die Zeit – Geschichte – Der Erste Weltkrieg, No 1, 2014;
  • Fausto Gardini, Storms over Luxembourg, 2009 + 2012, Published by Fausto Gardini, Jacksonville, USA;
  • Luxemburg im Ersten Weltkrieg, Henri Schumacher, Wissenschaftlicher Aufsatz, GRIN Verlag, 2010;
  • Revue, de Magazin fir Lëtzebuerg, No 22, 28/05/2014

 

Fotos und Karten:

  • Bild 1: Das Denkmal Gëlle Fra in Luxemburg-Stadt erinnert an die Gefallenen des 1. und 2. Weltkriegs (dpa / Romain Fellens);
  • Bild 2: Foto: epd-bild /Bahnmueller;
  • Bild 3: Bundesarchiv, Bild 14-1994-022-19A, Foto, Oscar Tellgmann, August 1914;
  • Bild 4: centropa.org, Bündnisse 1914;
  • Bild 5: GEO-Epoche, das Magazin für Geschichte, 1914 – Schicksalsjahr des 20. Jahrhunderts, No 65, 2014; Ferdinand Schmutzer – Austrian National Library / Agentur Anzenberger;
  • Bild 6: Österreichische Nationalbibliothek, Wikipedia.org;
  • Bild 7: http://www.mybude.com/nordamerika-europa/2678-ursache-erste-weltkrieg.html;
  • Bild 8: Bahnhof Ulflingen, Nationalarchiv Luxembourg;
  • Bild 9: AE-00404, Telefonische Meldung der Gendarmerie Ulflingen, 1.8.1914;
  • Bild 10: Paul Eyschen, Bibliothèque nationale du Luxembourg;
  • Bild 11: 1914 Print Portrait Gottlieb Von Jagow German Diplomat Foreign Minister Leader – Original Halftone Print by Period Paper;
  • Bild 12: Bibliothèque nationale du Luxembourg par J.M. Bellwald;
  • Bild 13: Bethmann-Hollweg, Wikipedia, Bundesarchiv, Bild, 146-1970-023-03, O. Ang. / O. Dat.;
  • Bild 14: http://home.comcast.net, The prussian machine;
  • Bild 15: Bain News Service, publisher – This image is available from the United States Library of Congress‘s Prints and Photographs division under the digital ID 13940.
  • Bild 16: Storms over Luxembourg by Fausto Gardini, 2009 + 2012, Published by Fausto Gardini, Jacksonville, USA.